Mannheim
Compact Memory

Der Morgen · 1935-05-01 · Heft 2 (Mai 1935) · p. 74

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
11 (1935-1936)
Issue
Heft 2 (Mai 1935)
Article
Friedrich Hebbel und Emil Kuh
Date
1935-05-01
Page
74 (sequence 1)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2895450-2895539-2895542-2904931--07950-2904990
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Paul Bornstein: Friedrich Hebbel and Emil Kuh Die Geschichte einer Freundschaft und ihres Bruches. Im Frühjahr 1849 wurde der zwanzigjährige Emil Kuh von Deinhardstein, gewesenem Vizedirektor des Burgtheaters, nunmehrigem Herausgeber der Wiener Jahrbücher, auf dringende Birten bei Hebbel eingeführt. Er entstammte einer wohlhabenden Wiener jüdischen Familie und war eine Zeitlang im Tuchgeschäft seines Vaters tätig gewesen. Allzuviel gelernt hatte er nach eigenem Zugeständnis nicht. Ausgestattet mit zusammengerafften Bruchstücken der damaligen Wiener Schulbildung, hatte er sich seither selbst fortzuhelfen versucht. Als Enthusiast und Dilettant mochte er sich nun vom Umgang mit dem stürmisch verehrten Hebbel ein Schwelgen in ästhetischen Räuschen, eine Reihe fliegender Begeisterungen versprochen haben. Er irrte: er kam in strenge, in norddeutsche Zucht. Daß er darin aushielt, ehrt den Ernst seines Menschentums. Bedeutend war der Gewinn, den er für Lebzeiten davontrug. Kuh hat wesentliche produktive Fähigkeiten nicht besessen und ist sich im Lauf der Jahre schmerzlich darüber klar geworden. Wenn er aber einer der vornehmsten und bedeutendsten literarischen Kritiker seiner Zeit wurde, den ihre Allerbesten geistigen Umgangs würdigten, so hat er das einzig Hebbel zu verdanken. Zehn Jahre währte ungeachtet eines Altersunterschieds von fünfzehn Jahren dies seltene Freundschaftsverhältnis, das als eine Lebensnotwendigkeit Meister und Jünger dämonisch aneinander band. Nun war Hebbel bekanntlich ein Despot der Freundschaft Kuh führte diese Veranlagung auf Hebbels menschliche und künstlerische Isolierung zurück. „Wandte sich dem Einsamen eine Seele liebevoll zu, dann bemächtigte er sich ihrer mit der Gier desjenigen, der lange gedarbt hat." So schaltete und waltete er über Kuh als über ein Eigentum je nach seinen Stimmungen und Launen. Er forderte einen fast blinden Gehorsam. Alltäglich sollte Kuh die Nachmittags- und Abendstunden, in denen er nicht schuf, um ihn sein. Ausbleiben galt als Eingriff in sein Herrenrecht; Entschuldigungen wurden zurückgewiesen. Ihm nicht genehme Freunde und Bekannte durfte Kuh nicht haben. Kaum ließ er ihm Zeit für die Fa- 74

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.