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Der Morgen · 1935-05-01 · Heft 2 (Mai 1935) · p. 71

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
11 (1935-1936)
Issue
Heft 2 (Mai 1935)
Article
An der Grenze
Date
1935-05-01
Page
71 (sequence 4)
Language
German
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An der Grenze war zum letzten Mal wohl vor einem Jahr benutzt worden, als zu einer Barmizwah-Feier offizielle Gratulanten kamen. Draußen stand ein etwas schäbig, aber sauber gekleideter Mann mit Gummikragen. „Womit kann ich dienen?" fragte der Kantor verlegen. „Bei Ihnen wohnt doch ein Herr Michael Boskin?" fragte der Mann. — „Ja, gewiß, treten Sie doch bitte naher." „Ich möchte Herrn Boskin sprechen." „Er ist jetzt nicht da —" „Dann komme ich nachmittags noch einmal vorbei. Mein Name ist Pflock, Oberpedell Pflock. Verbindlichen Dank und guten Tag." „Guten Tag," sagte der Kantor kopfschüttelnd, verriegelte die Tür, stellte das Schränkchen wieder vor, ging in die Küche und fragte: „Michel ist immer noch nicht da?" „Was fragst Du, Markus, Du siehst doch!" Die unerschöpfliche Geduld der dicklichen Frau Kiwi kam ins Wanken: „Wer war denn der Herr?" Achselzuckend ging der Kantor ins Eßzimmer zurück, wo die Großeltern und die zwölf Jungen vor ihren Tellern saßen, bereit anzufangen, sobald Boskin käme, und schon etwas mürrisch vom Warten. Der Kantor sah ihre Gesichter, legte die Zigarette auf das Fensterbrett und rief zur Küche hinüber: „Weißt Du, Rachele, ich glaube, der Michel kauft Dir einen ganzen Garten!" Atemlos kam Boskin am Bahnhof an und fragte am Fahrkartenschalter nach dem nächsten. Zug. „Nach Berlin?" fragte der Beamte, „wenn Sie sich beeilen, bekommen Sie ihn noch. Lösen Sie die Fahrkarte im Zug!" Und schon flitzte Boskin durch die Sperre und sprang in den Zug, der gerade keuchend und rauchschnaubend sich in Bewegung setzte. Er war allein im Abteil, atemlos, ohne Gepäck, ohne Mantel, ohne Hut. Er setzte sich, um gleich wieder aufzustehen. Er öffnete das Fenster, um gewissermaßen die ganze kleine Stadt in seine Augen hineinzuschlingen. Der Schaffner kam, das Geld reichte. Die kleine Stadt wurde immer kleiner. Die Familie Kiwi hatte endlich angefangen zu essen: „Wenn er merkt, daß wir schon essen, wird er gleich da sein," meinte der altkluge Habakük, aber obwohl der Großvater der Großmutter zuzwinkerte, reagierte niemand sonst darauf. Die Mutter teilte das Gemüse aus, Teller für Teller, der Spinat war ein wenig angebrannt und die Stimmung war nicht gut. „Er wird eine besondere Überraschung haben, was meinst Du, Rachele?", sagte der Kantor, aber Frau Kiwi schien ihn nicht zu verstehen. „Hosea," sagte sie, und da sie sonst nie seinen vollen Namen so auszusprechen pflegte, klang es beschwörend feierlich, fast pa- 71

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