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Der Morgen · 1935-05-01 · Heft 2 (Mai 1935) · p. 70

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
11 (1935-1936)
Issue
Heft 2 (Mai 1935)
Article
An der Grenze
Date
1935-05-01
Page
70 (sequence 3)
Language
German
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Leo Hirsch Je weiter Michael Boskin sich vom Hause entfernte, desto schneller lief er. Er lief, als ginge es um sein Leben, und als er am kleinen Bethaus vorüber wollte, sah er sich mit einem Blick so voller Angst noch einmal um, als wenn ein reißendes Tier ihm auf dem Fuße folgte. Darum erschrak er sich fast zu Tode, als, während er den verquälten Blick rückwärts wendete, vor ihm etwas noch Unheimlicheres aus der Erde aufzustehen schien, Tier oder Geist, eine mächtige Masse. Wenn Boskin nicht schrie, so nur, weil der Schreck auch seine Stimme lähmte. Da richtete sich dieses Wesen vor ihm in die Höhe, und jetzt erst erkannte Boskin das lehmig gelbe Eskimo-Gesicht, die kurze Sattelnase, die niedrige Stirn und das ölige schwarze Haar, er erkannte auch die Stimme des großen Ock, das unartikulierte Gebrüll der Taubstummenstimme, und er stutzte. Vielleicht war Boskin der erste Mensch in der kleinen Stadt, der hinter diesen Lauten einen Sinn vermutete, ja es lief ihm kalt über den Rücken, es blitzte ihm durch das Gehirn, daß die formlosen Laute des Krüppels Gottes Stimme, daß sie ein Auftrag für ihn, für Michael Boskin, daß sie ein Schrei in seine Verzweiflung hinein sein könnten, und er verstand sie nicht, er verstand sie nicht. Vielleicht hießen diese Laute: Kehre um! oder: Lauf weg! oder: Nimm dir das Leben! oder: Du mordest, fühlst du nicht, was du tust!, aber er verstand sie nicht. Er zauderte, aber das war ja alles Unsinn, er fühlte sich schon zu überreizt, Unsinn, wahrscheinlich wollte der große Ock ihn nur anbetteln, eine Zigarette oder einen Zigarrenstummel haben, Unsinn, weiter! Boskin wollte an dem massigen Taubstummen vorbei, aber der stellte sich ihm in den Weg und brüllte wieder seine wilden, unverständlichen Laute. Boskin nahm einen knappen Anlauf, um in jedem Fall an dem großen Ock vorbeizukommen. Aber der fing ihn auf und warf ihn wie einen leichten Ball zur Seite. Dann ging der große Ock zu seinem Hühnerstall, ohne seine traurigen schwarzen Äuglein noch einmal nach Boskin umzuwenden. Boskin war an die Mauer geworfen worden, vom großen Ock, der noch niemals einem andern Wesen ein Haar gekrümmt hatte, obwohl seine geistigen Mängel durch ungeheure Körperkräfte ausgeglichen waren. Aber Boskin war mit wenigen Hautabschürfungen davongekommen. So sehr seine Knochen ihn auch schmerzten, er sprang sogleich auf und raste weiter, zur Kaiserstraße und dann die Bahnhofstraße hinunter. „Wenn es noch lange dauert", sagte der Kantor wohlgelaunt, „dann warten wir noch ein bißchen." Er nahm eine Zigarette aus dem Etui und zündete sie an, als es klingelte, und zwar hinter dem Eßzimmer an der selten benutzten Vordertür der Parterrewohnung. Kopfschüttelnd ging der Kantor öffnen. Er mußte erst ein Schränkchen wegheben, das vor der Tür stand. Die Tür quietschte. Sie 70

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