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Der Morgen · 1935-05-01 · Heft 2 (Mai 1935) · p. 62

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
11 (1935-1936)
Issue
Heft 2 (Mai 1935)
Article
Frühjüdische Architektur
Date
1935-05-01
Page
62 (sequence 4)
Language
German
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Helen Rosenau: Frühjüdische Architektur ebensogut der Kapitelsaal eines Klosters hätte sein können. So ist auch die Behauptung, daß in den Gewölben der Alt-Neuschule in Prag aus religiösen Gründen durch eine fünfte Gewölberippe die Kreuzform vermieden worden sei, nicht mehr als die legendäre Deutung eines Ausnahmefalles: in der ihr verwandten Synagoge in Krakau ist das Kreuzgewölbe vorhanden. Wenn auch im Ghetto der Sinn für künstlerisch-monumentale Schöpfung verkümmerte, so konnte sich doch im 17. und 18. Jahrhundert eine von Juden geschaffene primitive Volkskunst neu entwickeln, die im Baulichen an die Profanarchitektur, im Ornament an mittelalterliche Miniaturen anknüpfte und durch diese Vermittlung die Tradition der frühen jüdischen Fresken und Mosaiken wieder aufnahm. Es ist kein Zufall, daß diese neue Volkskunst nicht an architektonische, sondern an kunstgewerbliche Tradition anknüpft. Denn der Architektenberuf war im Mittelalter den Zünften oder Bauhütten zugeordnet und damit für Juden versperrt, während sich die Technik des Miniators und Goldschmieds, des „Kunstgewerbes", im eigenen Kreise zu erhalten vermochte. So ist denn auch der erste Jude, der in London in eine Zunft aufgesnommen wird, ein Goldschmied. Der Stil der Künste entwickelt sich in verzweigten Übergängen, ausgehend von einem Zentrum und übergreifend in die Welt. Man denke an Griechenland und seinen Einfluß auf europäische Kunst! Doch neben der Form steht der Inhalt, der ebenso wichtig, ebenso tragend für das Kunstwerk ist. Wie die spätantike Form der Träger wurde für abendländische Kunstempfindung, so ist die religiöse Kunst des Judentums in der Schaffung und Ausschmückung des Gebetraumes für die Gemeinde aus der abendländischer, Kunstentwicklung nicht wegzudenken. Auf einem Sondergebiete, der Architekturdarstellung, wird dies besonders deutlich. Das Bild des Tempels, der Tempelgeräte, der Synagoge als Stellvertreterin des Tempels blieb auch nach der Zerstörung heiliges Symbol. So wird das Architekturbild aus dem jüdischen in den mittelalterlichen christlichen Kunstkreis eingeführt, das Bild der Kirche wird vom Bilde der Synagoge beeinflußt. Besonders klar wird dieser Sachverhalt durch eines der Tempelfresken von Dura-Europos, das den Tempel zu Jerusalem mit den ihn umgebenden Mauern darstellt und das als reines Architekturbild des Außenraumes neben die jüdischen Goldgläser der Spätantike, die den Innenraum der Synagoge zeigen, einzuordnen ist. Jüdische Kunst im modern-nationalen Sinne konnte im Altertum nicht entstehen, da der Begriff der Nation erst von der Neuzeit geprägt ist. In der weiten Sphäre religiöser Gestaltung aber, die zum Träger des europäischen Gedankens und der abendländischen Kultur geworden ist, wird die religiöse Kunst des Judentums eine ihrer Bedeutung entsprechende Stelle erhalten müssen. 62

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