Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 11 (1935-1936)
- Issue
- Heft 2 (Mai 1935)
- Article
- Frühjüdische Architektur
- Date
- 1935-05-01
- Page
- 60 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Helen Rosenau Gibt es überhaupt eine spezifisch jüdische Kunst, der gegenüber eine solche Betrachtungsweise sinnvoll ist? Die Frage ist vielfach verneint worden. Es ist deshalb lohnend, ihr auf einem — freilich repräsentativen — Teilgebiete nachzugehen, auf dem man positivere Ergebnisse erwarten kann. Auf dem Gebiete der Architektur offenbart erstmalig die Synagoge der Diaspora einen eigenen jüdischen Kunstwillen. Als gerichteter Gebetsraum verkörpert sie «inen neuen Typus: die Wendung zur Heiligen Lade bestimmt den Bau, zeigt sich oftmals im Grundriß in der Anfügung von Nischen (Apsiden) und gestaltet so zuerst einen Innenraum, in dem die Gesamtgemeinde sich zum Gebete versammelt. Das war ein neuer Baugedanke, da die altjüdische Tempeltradition die Gläubigen im Vorhof beließ und den Eintritt in das Heilige und Allerheiligste nur den Priestern zugestand. Auch in Einzelheiten kommt dieser neue Synagogentyp zu eigenartigen Lösungen. Die Anordnung des Almemors in der Nähe der Heiligen Lade gehört dazu; sie ist nicht, wie vielfach angenommen wird, eine späte Veränderung unter christlichem Einfluß, sondern stellt die ursprüngliche Aufstellung dar, wie sich aus mehreren Gründen ergibt. So wäre in den palästinensischen Synagogen der Bodenbelag gewiß nicht gerade in der Mitte aus figürlich reichem Mosaik gewesen, wenn ursprünglich hier der Almemor vorgesehen war. Auch die berühmte Talmudstelle, in der eine Tribüne in der Mitte der Synagoge von Alexandria erwähnt wird, bedeutet nicht, daß dies der Brauch, sondern vielmehr, daß diese Anordnung eine Ausnahme war. Denn hätte jede Synagoge den Almemor in der Mitte des Raumes besessen, so wäre dies gewiß nicht besonders erwähnt und als Hinweis für die Größe des „Diplostoon" (Doppelhalle) zu Alexandria angeführt worden. Auf dieser auch durch Maimonides einseitig aufgefaßten Talmudstelle beruht die Tradition des Alten Ritus, den Almemor in die Mitte des Raumes zu verlegen, während Josef Caro im Schulchan Aruch äußert, es sei schöner, in kleinen Synagogen den Almemor in der Richtung der Heiligen Lade anzuordnen, und so Elemente der ursprünglichen Anordnung neu einführt. Als architektonische Form war die frühe Synagoge nicht ausschließlich durch die Emporen bestimmt, wie sie etwa in Caphernaum erhalten sind. Der Ausdruck „Doppelhalle" für Alexandria und Tiberias bezieht sich nicht auf Emporen, da bereits Vitruv, der römische Architekt, in seiner Beschreibung von Bautypen die Doppelhalle als Bau mit doppelter Säulenhalle kennt. Frühchristliche Kirchen, wie die ursprüngliche Peterskirche in Rom, die durch ihre Fünfschiffigkeit auffallen, sind also dem Typus der monumentalen Synagoge verwandt. Es sei angemerkt, daß diese Weiträumigkeit auch für die Anbringung einer Tribüne in der Mitte 60