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Der Morgen · 1935-04-01 · Heft 1 (April 1935) · p. 44

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Journal
Der Morgen
Volume
11 (1935-1936)
Issue
Heft 1 (April 1935)
Article
Mächte der Verweltlichung und Entgöttlichung in der jüdischen Welt
Date
1935-04-01
Page
44 (sequence 4)
Language
German
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ewig gefährdet durch die Kultur. Letztlich kann die Religion nicht eingehen in die Kultur, wie gleichförmige Größen sich vermischen und durchdringen. Die Religion bleibt zu einem Stück immer „Ärgernis" für die Kultur". Wichtiger als solche „Resultate" bleibt der Weg, auf dem sie gewonnen werden. Eine beziehungsreichere und vielseitigere Durchdringung unserer biblischen Urkunden als von dem Blickpunkt der Verweltlichungstendenzen läßt sich kaum denken. Frage und Antwort schließen den gewaltigen, ewig unergründlichen Stoff neu auf und bringen uns die Bücher der Bibel noch um einen Schritt näher. Ludwig Feuchtwanger Juden und Judentum in deutschen Briefen aus drei Jahrhunderten. Herausgegeben von Franz Kobler. Saturn-Verlag, Wien 1935 Von Spinozas Briefwechsel mit Oldenburg bis zu Walther Rathenaus Tod reicht diese Auswahl von Briefen, und sie führt über alle Höhen und Tiefen der dreihundert Jahre, die dazwischen liegen: von Sabbatai Zwi, von dem die Glückel von Hameln erzählt, in die Zeit der Hoffaktoren mit Vertreibung und Fürsprache, in die Aufklärung und in die Epoche der Emanzipation mit allen Hoffnungen und Rückschlägen, mit Erfüllung und Krise. Lessing, Wieland, Kant, Goethe, Jean Paul, die Humboldts und Schleiermacher schreiben um die Wende des Jahrhunderts an oder über ihre jüdischen Freunde, und an seinem Ende stehen die Stimmen Gottfried Kellers, Richard Wagners und Nietzsches. Mendelssohn schreibt an Herder über seine Bibelübersetzung, Sonnenfels an die Kaiserin Maria Theresia über Abschaffung der Folter; Heine spricht über die Taufe; Felix Mendelssohn erzählt seinen Eltern von dem Besuch bei Goethe; Berthold Auerbach zitiert auf den Vorschlag hin, die Not der rumänischen Juden durch Massenaussiedlung zu beheben, die Antwort eines Indianerhäuptlings: „Ja, gebt uns dann aber auch die Gräber unserer Vorfahren mit!", und der junge Lassalle hat die „Lieblingsidee", an der Spitze der Juden, mit den Waffen in der Hand, sie selbständig zu machen. Es ist eine Fülle von Stimmen — aber ein Chor ist es nicht. Der Herausgeber hat dieses reiche Material mit Einleitungen und einem anspruchslosen verbindenden Text geschickt und leicht lesbar geordnet. Ein paarmal zieht er, wo Briefe fehlen, auch offizielle Eingaben, gedruckte Werke in Briefform, wie Friedländers Sendschreiben an Propst Teller, Börnes „Briefe aus Paris", S. R. Hirschs „Neunzehn Briefe über das Judentum" und Moses Hess' „Rom und Jerusalem" heran. Dieses Streben nach Abrundung und Vollständigkeit des Bildes wäre sehr anzuerkennen, wenn es nur allseitig in Erscheinung träte. Doch der Herausgeber ist ein scharfer Gegner der Emanzipation, und diese Tendenz zeigt sich nicht nur in den Kapitelüberschriften, die zum Inhalt teilweise geradezu in Gegensatz stehen, sondern auch in der Auswahl selbst und besonders gegen den Schluß des Werkes. Eine restlose Vollständigkeit, auf die Kobler bewußt verzichtet hat, wird niemand von ihm verlangen. Aber im späteren Verlauf des 19. Jahrhunderts beschäftigen 44

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