Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 11 (1935-1936)
- Issue
- Heft 1 (April 1935)
- Article
- Mächte der Verweltlichung und Entgöttlichung in der jüdischen Welt
- Date
- 1935-04-01
- Page
- 42 (sequence 2)
- Language
- German
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keitsgründen. Die geistige Entwicklung tritt mit der Ablehnung der kirchlichen und lehrmäßigen Autorität in ein zweifellos heroisches Stadium. Die innerhalb der Lebensordnung von Synagoge oder Kirche gereiften sozialen und persönlichen Tugenden sollen sich nun in der Welt, ohne „Lehre" und ohne „Dogma" bewähren. Der Staat löst die Kirche als Spender der Wohlfahrt und Hüter der Gesittung ab. Der „charismatische" Führer und Priester wird zum Geistlichen der bürgerlichen Welt. Dieses geläufige historische Bild — in den Werken von Figgis, Tawney, Max Weber, Troeltsch, Sombart, Scheler faszinierend beschrieben — hat von der Erkenntnis der ewigen Natur des Säkularisationsprozesses im Menschen und vom Wesen des soziologischen Vorganges abgelenkt. Der amerikanische Soziologe Howard Becker hat jüngst eine idealtypische Analyse des Säkularisationsprozesses versucht, die das andere, gänzlich unempirische und bewußt ahistorische methodologische Extrem zur Bewältigung des Phänomens darstellt. Becker stellt die folgenden methodologischen Termini zur scharfen Erfassung des Säkularisationsbegriffs auf: „Die abgeschlossene heilige Gesellschaft", als deren empirisches Beispiel er „die Groß-Sippe des ländlichen China" nimmt und „die aufgeschlossene weltliche Gesellschaft" in gewissen Erscheinungsformen des weltstädtischen New York. Nach dem soziologischen (auch bei uns wohlbekannten) System von Becker ist das Empirische nur als Annäherung an das Idealtypische anzusehen; die beiden genannten Gesellschaften sind also „nur" bewußte Fiktionen, heuristische Prinzipien, künstliche Abstraktionen, Konstruktionen jenseits des Historischen. Vollkommene Abgeschlossenheit in zwischenörtlicher, zwischenmenschlicher und zwischengeistiger Hinsicht bei der „Heiligen Gesellschaft"! Dagegen die „Weltliche Gesellschaft" in der gleichen dreifachen Weise aufgeschlossen, mit allem und jedem sich verbindend! So glaubt Becker unserem Phänomen am nächsten zu kommen. Jene Einschränkung des Begriffes auf die einmalige Verwandlung der europäischen mittelalterlichen Welt und diese eben skizzierte soziologische Betrachtungsweise können in der Klärung der großen Fragen der Verweltlichung und Entgöttlichung nicht annähernd das leisten, was die sprach- und geschichtswissenschaftliche moderne Erforschung einer einzelnen historischen Religionsform zur wirklichen Erkenntnis der „Kehrseite" der Frömmigkeit, die wir Säkularisation nennen, erkenntnis- und einfühlungsmäßig leistet. Der Marburger Theologe und Universitätsdozent Adolf Wendel hat in seinem neuen großen Werk „Säkularisierung in Israels Kultur" (Gütersloh, Bertelsmann 1934) diese Spezialaufgabe für unsere Bibel zu lösen versucht Wendeis Buch ist gewidmet dem Gedächtnis Hermann Gunkels, dessen Unterbewertung in unserem deutsch-jüdischen Kreis ähnlich wie in den Fällen der Gesamtleistungen der verewigten Meister wie Wellhausen, Eduard Meyer, Gressmann begreiflich, aber ungerecht und dem objektiven Erkenntnisstreben schädlich ist. In Gunkels Geist stellt Wendel die 42