Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 11 (1935-1936)
- Issue
- Heft 1 (April 1935)
- Article
- Sprachvernachlässigung im Neuhebräischen
- Date
- 1935-04-01
- Page
- 38 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
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Elias Hurwicz: Sprachvernachlässigung im Hebräischen muß, daß wenn jemand zum ständigen Mitarbeiter eines hebräischen Presseorgans in Palästina werden will, er vor allem nicht hebräisch, sondern nur jiddisch oder in irgendeiner anderen Sprache schreiben darf (im Original gesperrt) — dann kann er hoffen, gern aufgenommen zu werden". Allein die Sache hat doch wohl noch allgemeineren Charakter und tiefere Gründe. Es ist die ganze stürmische, übergangslose Modernisierung, die dem heutigen Hebräisch einen technizistischen, ja man muß oft schon sagen, künstlichen Charakter verleiht, in dem seine ursprünglichen Züge: Geistigkeit, Innerlichkeit und zugleich Plastik verloren gehen. Wir wollen das wenigstens durch einige Beispiele veranschaulichen. Dazu bietet das erwähnte Heft der „Giljonoth" selbst Anlaß. Gleich das Anfangsbild der Novelle „ Meeresrauschen" von Abraham Freiman: brpij b$ n|n~ *VpV¥ verrät unverkennbar eine wortwörtliche Übersetzung, sei es aus dem Deutschen, Französischen („eile faisait son chemin vers le port") oder Russischen. Vollends unmöglich ist aber der gleich folgende Ausdruck: n^jpan n$ nhz wri „sie durchquerte das Pflaster", was wohl eine buchstäbliche Wiedergabe des russischen „ona pereresala mostowuju" ist (die Novelle spielt in Sowjetrußland), während ^2 im Hebräischen tatsächlich die physische Zerteilung, Zerstückelung bedeutet. Eine willkürliche (oder vielmehr unwillkürliche) fremdsprachliche Übernahme ist die auch in den palästinensischen Sprachgebrauch sich einschleichende Wendung fi'jS (eine Frau), eine vollkommen unnötige Umdrehung der überlieferten, übrigens sehr logischen Voranstellung der Person (fiHK nvx) oder des Gegenstandes. Da wir soeben den täglichen Sprachgebrauch berührten, seien auch aus diesem ein paar Illustrationen beigebracht. Welch eine sklavische Nachahmung ist z.B. das in Palästina gehörte "2^n nri«! Gewiß, man sagt auch im Deutschen, Russischen usw. „schwacher Tee". Allein das hebräische ^1 bezieht sich lediglich auf die körperliche Erschlaffung eines Menschen, wodurch jener Ausdruck („erschlaffter Tee") geradezu grotesk wirkt. Oder nehmen wir das ebenfalls beliebte "\ü ]ü-- Warum es „Danke!" bedeuten soll, ist ein Geheimnis der Palästinenser, da im Hebräischen Anmut oder Wohlgefallen bedeutet. Doch genug der Beispiele. Ich höre den Einwand: Palästina ist erst im Aufbau begriffen, und da hat es keine Zeit, sich um Sprachreinheit zu kümmern. Das darf aber nicht zur bequemen Ausrede für Sprach Vernachlässigung werden, die man ja auch im Lande selbst empfindet. Kein Geringerer als Bialik hat sich in seinen letzten, von Hugo Bergmann (Jüdische Rundschau vom 20. Juli io34) mitgeteilten Gesprächen mit der Sprachentwicklung in Palästina beschäftigt und, in voller Übereinstimmung mit Rosenzweig, geäußert: „Man muß erst einmal das Hebräisch unseres großen Schrifttums durchgearbeitet haben. Ganz verfehlt ist es, wenn manche — um die Armut unseres gesprochenen Hebräisch zu entschuldigen — behaupten, das Schrifthebräisch müsse vom gesprochenen Hebräisch lernen ..." Bialik vertritt hier die Idee der Kontinuität in der Entwicklung des Hebräischen, die aber leider nicht nur im gesprochenen, sondern auch im geschriebenen und sogar im gedruckten Hebräisch heute mißachtet wird. Elias Hurwicz 38