Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 11 (1935-1936)
- Issue
- Heft 1 (April 1935)
- Article
- Sprachvernachlässigung im Neuhebräischen
- Date
- 1935-04-01
- Page
- 37 (sequence 1)
- Language
- German
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Sprachvernachlässigung im Neuhebräischen „Hebräisch lesen heißt: Bereitsein, die ganze Erbmasse der Sprache anzutreten ... Man kann eben nicht so hebräisch sprechen wie man müßte, sondern man muß es schon so sprechen wie es ist. Und es ist vergangenheitsgebunden und weltverpflichtet, noch im Munde des jüngsten Siedlerkindleins der neustgegründeten Siedlung — Die (hebräische) Sprache kann nicht werden wie sie will, sondern sie wird werden, wie sie muß. Und dieses Muß liegt in der Erbmasse der Vergangenheit und in dem gewahrten Zusammenhange mit denen, deren Judentum notwendig wesentlich das des Erben ist." An diese richtunggebenden Sätze, die Franz Rosenzweig zum Thema Neuhebräisch 1926 im „Morgen" veröffentlichte, muß man heute bei der Betrachtung der neuesten Entwicklung des Hebräischen unwillkürlich zurückdenken. Denn so sehr Rosenzweig recht hatte und hat mit seinen Forderungen, so sehr weicht die tatsächliche Sprachentwicklung von seiner Prognose ab. Die Sprachkontinuität, die in der hebräischen Literatur der Diaspora noch stark war und uns die Renaissance des Hebräischen als organische Fortsetzung der ganzen bisherigen Entwicklung dieser einzigartigen Sprache empfinden ließ, sie ist heute gerade in Palästina, so paradox es zunächst klingt, derart locker geworden, daß es fast mechanistisch anmutet. Diese Paradoxie ist freilich vom Leben selbst erzeugt worden. Wir verdanken es Palästina, daß Hebräisch zur lebendigen Umgangssprache geworden ist; wir müssen aber in aller Objektivität auch die Kehrseite dieses Prozesses feststellen: Die Vulgarisierung des Hebräischen. Im „Munde der Siedlerkinder" (um mit Rosenzweig zu sprechen) ist das verständlich und verzeihlich. Wie steht es aber mit dem palästinensischen Schrifttum? Die ältere in Palästina eingewanderte Generation hebräischer Schriftsteller hat die Kontinuität des Hebräischen, man möchte beinahe sagen: naturgemäß gewahrt. Auch in der jüngeren Generation gibt es Schriftsteller (es sei nur als vorbildlich der Name Jizchak Lamdons genannt), in deren Stil der alte Wein unserer Sprache in bewunderungswürdiger Weise in neue Schläuche gegossen wird. Und dennoch machen sich im Lande selbst bei Einsichtigen m steigendem Maße Sorgen über die palästinensische Sprachentwicklung bemerkbar. Schon vor einigen Jahren gab der Literarhistoriker der Jerusalemer Universität, Prof. J. Klausner, dieser Sorge in einem Vortrag Ausdruck. Und heute finden wir in der in Tel-Aviv erscheinenden Zeitschrift „Giljonoth" bewegliche Klage, man könnte beinah sagen einen Verzweiflungsruf über das Gebaren der, ^hebräischen" Presse im Lande, — „hebräisch" in Gänsefüßchen gesetzt. Nun ist freilich die Zeitungssprache allgemein berüchtigt, aber in bezug auf das heutige Zeitungshebräisch klingt Rosenzweigs Satz: „Man kann ein hebräisches Zeitungsblatt nicht lesen, ohne daran etwas für das sprachliche Verständnis biblischen Urlauts zu profitieren" fast wie ein Hohn. „Giljonoth" geben einen besonderen Grund dafür an: da die Presse völlig unterschiedslos Originale und Übersetzungen verwendet, so kann nicht nur das Publikum, sondern schließlich auch sie selbst nicht mehr zwischen Original und Übersetzung unterscheiden. Ja, es ist soweit gekommen, daß „der Eindruck entstehen 37