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Der Morgen · 1935-04-01 · Heft 1 (April 1935) · p. 36

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Journal
Der Morgen
Volume
11 (1935-1936)
Issue
Heft 1 (April 1935)
Article
Die Renaissance des Hebräischen
Date
1935-04-01
Page
36 (sequence 2)
Language
German
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Emile Schreiber: Die Renaissance des Hebräischen Schülern verkehren, die das Hebräische als Heilige Sprache kannten und imstande waren, mich zu verstehen; und auch das geschah nur im Beisein eines meiner Eltern, damit sie mit mir nichts anderes sprächen als hebräisch. Während dieser Zeit bediente sich mein Vater in seinem Umgang mit den jüdischen Kaufleuten des alten Viertels von Jerusalem ausschließlich des Hebräischen; man hielt ihn deshalb für einen Narren. Die Händler begriffen nicht immer, was er von ihnen verlangte. Aber da sie sich kein Geschäft entgehen lassen wollten, unterrichteten sie sich über den Sinn der Worte, mit denen er sie ansprach, und waren schließlich imstande, seine wesentlichen Wünsche zu befriedigen. Da ich keine Kameraden hatte, schenkte mir mein Vater einen Hund, damit ich nicht zu einsam sei. Eines Tages ging ich mit diesem Hund aus, und ohne Böses zu denken, sprach ich zu ihm einige Worte hebräisch. Orthodoxe Juden, die gerade vorübergingen, waren empört und steinigten den Hund zu Tode. Mein Vater errichtete ihm ein kleines Denkmal, als dem ersten Opfer der hebräischen Sprache. Dieses Denkmal steht noch. Einige Jahre später gründete mein Vater eine hebräische Zeitung, die vollständig in hebräischen Lettern gesetzt war; bei ihrem Erscheinen konnte sie kaum auf einen Leser rechnen. Da sie jedoch eine Menge interessanter Artikel enthielt, kauften sie einige orthodoxe Juden, und sie breitete sich ganz allmählich aus. Dieses Blatt ist heute eine der bedeutendsten Tageszeitungen Palästinas. Dann kam der Zionismus, eine Bewegung, an der mein Vater natürlich den größten Anteil nahm. Auf seinen Vorschlag setzte sich auf dem zionistischen Kongreß das Hebräische als nationale Sprache durch gegen die Konkurrenz des Jiddischen. Das war die Krönung der Idee, die sein ganzes Leben erfüllt hatte. Als er 1926 starb, sprachen 200 000 Juden in Palästina und mehrere zehntausend im Ausland hebräisch. Die Sprache ist und bleibt das wesentliche Bindemittel beim Wiederaufbau Palästinas." Ich frage Ben Avi: „Ihr Vater war fromm, versteht sich?" — „Keineswegs. Er war Atheist. Sein Leben war dem jüdischen Volke geweiht, nicht der jüdischen Religion. Ein Vorfall unter vielen soll Ihnen die Sinnesart meines Vaters zeigen. Eines Tages — ich war noch ein Kind — hörten wir in unserer Wohnung in Jerusalem Schreie auf der Straße. Mein Vater öffnete das Fenster und sah eine Frau, die von den Nachbarn gestützt wurde. Sie bat, ihr die Tür zu öffnen, denn sie sei im Begriff niederzukommen und habe keine Zeit mehr, das Entbindungsheim zu erreichen. Mein Vater rief ihr aus dem Fenster zu: „Ich öffne nur, wenn Sie es auf hebräisch verlangen.4' — Die arme Frau, die sich in Schmerzen wand, brachte schlecht und recht einige Worte auf hebräisch heraus. Mein Vater öffnete ihr sogleich." Daß Ben Jehuda seiner Umgebung das Leben mit einem so wenig umgänglichen Charakter sehr angenehm gemacht hat, ist wenig wahrscheinlich. Aber solche Männer von Eisen treiben die Probleme vorwärts, denen sie sich widmen. Ben Avi, sein Sohn, ist im Gegensatz dazu freundlich und liebenswürdig. Er ist einer der tätigsten Wortführer der zionistischen Bewegung. Er kämpft dafür, daß das Hebräische mit lateinischen Lettern geschrieben wird. Diese Idee wird vielleicht ihren Weg machen; aber der Zionismus hat unterdessen so viele andere Probleme zu lösen... 36

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