Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 11 (1935-1936)
- Issue
- Heft 1 (April 1935)
- Article
- Die Renaissance des Hebräischen
- Date
- 1935-04-01
- Page
- 35 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Die Renaissance des Hebräischen Aus dem Buche „Cette annee d Jerusalem" von Emile Schreiber, Verlag Plön, Paris 19BU; autorisierte Übersetzung von Bernhard Baer. Vor dem Zionismus wurde das Hebräische ausschließlich als heilige Sprache betrachtet, bestimmt für das Gebet, wie das Latein in der katholischen Religion. Das geht so weit, daß die orthodoxen Juden die Absicht, es als lebende Sprache zu gebrauchen, als Sakrileg angesehen haben. Die Renaissance der hebräischen Sprache ist einem einzigen Manne zu verdanken, einem russischen Professor namens Elianoff, der später in Palästina den hebräischen Namen Ren Jehuda annahm. In Tel-Aviv hatte ich das Glück, seinem Sohn Ben Avi vorgestellt zu werden, der selbst Schriftsteller ist und ein in Palästina bekannter Journalist. Er hat mir die seltsamen Umstände erzählt, unter denen sein Vater die hebräische Sprache zu neuem Leben erweckte: „Ich bin", erzählte mir Ben Avi, „das erste jüdische Kind, das das Hebräische als moderne Sprache gesprochen hat; und das Datum der Renaissance unserer Sprache ist leicht festzusetzen, da ich heute achtundvierzig Jahre alt bin. Mein Vater war ein russischer Jude namens Elianoff. Er hatte gegen 1880 in Frankreich an der Sorbonne studiert und wurde später Professor für orientalische Sprachen in Odessa. Um diese Zeit heiratete er meine Mutter, die ebenfalls russische Jüdin war; die Hochzeitsreise machten sie auf einem Donaudampfer. Im Augenblick der Durchfahrt durch das Eiserne Tor sagte er zu seiner jungen Frau: ,Das Eiserne Tor ist ein Symbol des Willens. Diesen Ort habe ich gewählt, um Dir anzukündigen, daß ich von heute an nur noch hebräisch mit Dir sprechen werde.' Meine Mutter, die von dieser Sprache nur ungefähre Kenntnisse hatte, glaubte, er scherze; aber alles kam, wie er's gesagt hatte; von diesem Tage an war meine Mutter seine erste Schülerin, und er sprach nur noch hebräisch mit ihr. Wenig später bezogen meine Eltern eine bescheidene Wohnung in der Altstadt von Jerusalem. Mein Vater widmete sich der Arbeit an dem großen hebräischen Wörterbuch, seinem Lebenswerk, von dem zwölf Bände erschienen sind und drei noch ausstehen. Nach seiner Ansicht war die Abfassung einer hebräischen Encyclopädie die erste Bedingung für die Entwicklung des Hebräischen zur lebenden Sprache. Er mußte alle für das moderne Leben unentbehrlichen Neubildungen prägen, als da sind: Eisenbahn, Telegraph, Telephon usw. Das ging nicht ohne große Schwierigkeiten, und er fragte oft die Dominikaner-Patres des Französischen Archäologischen Instituts um Rat; besonders Lagrange, den berühmtesten unter ihnen, der noch heute im Alter von 83 Jahren Vorlesungen hält. i885 kam ich in Jerusalem zur Welt. Bei meiner Geburt teilte mein Vater meiner Mutter seinen Entschluß mit, mich von dem Augenblick, da ich die ersten Worte stammelte, bis zu meinem siebenten Lebensjahr abgeschlossen zu hallen. Er wollte so verhindern, daß ich mit anderen Kindern in Berührung käme, die zu mir in einer anderen Sprache sprächen als der hebräischen. Erst mit fast sieben Jahren ließ mich mein Vater mit einigen jungen orthodoxen 35