Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 11 (1935-1936)
- Issue
- Heft 1 (April 1935)
- Article
- An der Grenze
- Date
- 1935-04-01
- Page
- 26 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/2895450-2895539-2895541-2904841--07875-2904896- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Leo Hirsch „Meinetwegen Elefanten!" brüllte der Schulrat ihn an, „aber wieviele?" Und als Boskin nicht gleich antworten konnte, fragte er weiter: „Barrabas senior, wieviele?" Barrabas senior trat Barrabas junior in die Kniekehle, Barrabas junior zog sein Taschentüchlein zurecht, schoß hoch wie ein Stehaufmännchen und explodierte: „Zwölf Karnickel, Herr Schulrat!" „Vorzüglich!" sagte der Schulrat und wendete sich dann schroff zu Boskin, der noch vor der Tafel stand: „Sie können gehen. Sie sind ein außerordentlich begabter Zeichner. Sie können ein Rembrandt werden, aber für das Abitur haben Sie noch nicht einmal die moralische Reife. Worauf warten Sie? Auf Wiedersehen im nächsten Jahr!" Auf dem Geländer der Freitreppe saß der kleine Kiwi, der von der mündlichen Prüfung befreit und nun Boskin abholen gekommen war. Bleich und beinahe taumelnd kam Boskin die Freitreppe herunter. Er wischte sich mit dem Handrücken über die Stirn, als hätte er einen bösen Traum zu verscheuchen, und als er Hosea erblickte, fing er an zu lachen: „Na, Michel?" fragte der kleine Kiwi, und es war fraglich, ob er das von seinetm Vater geerbt oder abgehorcht hatte; denn Boskin glaubte, den Kantor fragen zu hören: „Darf man gratulieren?" „Durchgefallen", sagte Boskin. — „Ach, mach keine Witze!" Boskin lachte wieder. „Wetten", fragte der kleine Kiwi wieder, „daß Du nicht durchgefallen bist?" Boskin antwortete nicht mehr. Er lachte auch nicht mehr. Sie kamen um die Ecke der Gymnasialstraße. Jetzt ging ein Mädchen vor ihnen. Hosea achtete so wenig darauf, daß er nicht einmal erkannte, daß es Betty war. „Sieh mal", sagte Boskin so laut, daß sie es hören mußte, „welch ein entzückendes junges Mädchen!" Er sagte es in einem forcierten, ironischen Ton, er lachte wieder, und der kleine Kiwi wußte weder, was er darauf antworten, noch wie er diese Rüpelei verstehen sollte. „Sieh mal", fing Boskin wieder an, „was für ein reizendes Näschen dieses entzückende junge Mädchen hat!" Inzwischen hatte Hosea erkannt, daß es Betty war, die vor ihnen ging. Sie ging immer rascher, und noch ihr Nacken war von plötzlicher Röte Übergossen. Aber auch Boskin machte immer größere Schritte. Atemlos, ratlos und wütend lief der kleine Kiwi mit, puffte ihn in die Rippen und flüsterte, als alles nichts half, Boskin zu: „Aber das ist doch Betty!" Darauf fing Boskin noch lauter an: „Ach so, das ist diese reizende junge Dame, die einen jungen Hasen für ein altes Karnickel hält! Aber das ist doch kein Grund —" Da öffnete das Mädchen die nächstbeste Ladentür. Verblüfft hielt Boskin inne. Er wollte stehen bleiben, bis sie wieder heraus- 26