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Der Morgen · 1935-04-01 · Heft 1 (April 1935) · p. 25

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
11 (1935-1936)
Issue
Heft 1 (April 1935)
Article
An der Grenze
Date
1935-04-01
Page
25 (sequence 4)
Language
German
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An der Grenze „Vorzüglich", sagte der Schulrat, „und jetzt, Herr Direktor, fragen Sie vielleicht einmal." Der Rektor sah Barrabas senior durchdringend an und fragte: „Barrabas senior, was kannte Shakespeare nicht, als er „Maß für Maß" dichtete?" Wohl oder übel mußte nun Barrabas senior sich erheben. Er tat es schwerfällig und unwillig genug. Wenn die anderen nicht um die Entscheidung über ihr eigenes Geschick gezittert hätten, so wäre sicherlich das Gaudium allgemein gewesen, da Barrabas senior noch immer sein Seidentüchlein in der Tasche behielt und vor Erschütterung garnicht daran dachte, es herauszuzupfen, als er zögernd und bekümmert antwortete: „Die Geographie, Herr Direktor." „Vorzüglich", sagte der Schulrat, „wenn Sie so weiter machen, kann noch ein großer Ironiker aus Ihnen werden." Und während der Professor und der Direktor einander ansahen, weil sie nicht mehr wußten, wie diese Antwort aufzunehmen war, ging der Schulrat zur Tafel und schrieb Zahlen darauf: „Eine ganz einfache Aufgabe, meine Herren, bitte, multiplizieren Sie 524 288 mit 2 097152 und prüfen Sie dann Ihr Ergebnis mit der Neunerprobe und mit der Elferprobe. Das wäre die erste Aufgabe. Bitte machen Sie sie gleich, in einer Minute rechnen Sie sie uns dann an der Tafel vor." Hastig begannen die Primaner zu rechnen, und auch Boskin saß tief über sein Papier gebeugt. Er saß am Rande seiner Bank, und sein Bleistift ruhte nicht. Der Schulrat ging den Gang an den Bänken entlang durch das Klassenzimmer, kam zu Boskin, der nicht aufblickte, und nahm das Blatt, das vor Boskin lag. Es enthielt anstelle der Multiplikation eine Zeichnung von Bettys Kopf und Gestalt. Der Schulrat biß sich auf die Lippen und legte ohne ein Wort das Blatt wieder vor Boskin hin. Jetzt erst wurde sich Boskin bewußt, was er angestellt hatte. Aber im gleichen Augenblick sagte der Schulrat: „Ich verlängere die Zeit um eine Minute", und zog seine goldene Uhr aus der Westentasche. Die anderen Prüflinge waren mittlerweile mit ihren Rechnungen fertig. „Wie heißen Sie?" fragte der Schulrat. „Michael Boskin." „Dann gehen Sie an die Tafel und rechnen Sie vor." Boskin ging an die Tafel, und der kurze Weg kam ihm vor wie ein unaufhörliches Spießrutenlaufen. Er nahm die Kreide in die Hand, wollte rechnen, verschrieb sich, wurde unsicher, seine Gedanken verhedderten sich und gehorchten ihm nicht mehr; er war sehr verlegen und nervös. Der Schulrat wurde immer ungeduldiger und unterbrach ihn schließlich: „Dann etwas anderes. Jemand hat Kaninchen und Hühner, zusammen 35 Tiere, die zusammen 94 Füße haben. Wieviel Kaninchen und wieviel Hühner sind es?" Vollkommen entgeistert fragte da Michael Boskin: „Kaninchen? Wirklich Kaninchen?" 25

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