Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 11 (1935-1936)
- Issue
- Heft 1 (April 1935)
- Article
- An der Grenze
- Date
- 1935-04-01
- Page
- 23 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Leo Hirsch: An der Grenze „Nicht an den jüdischen, nicht an den christlichen Gott, an nichts, an nichts kann ich glauben, seit ich mich wieder erinnere, alles zerfällt mir — unter den Fingern —" Der Kantor sah, daß seine Zigarre ausgegangen war. Es war Feiertag, und er durfte kein Streichholz anzünden. Da stand er auf und beugte sich über den Tisch, und indem er vorsichtig beide Hände hütend um die flackernde Flamme des verlöschenden Lichtes bog, gelang es ihm, die Zigarre wieder daran anzuzünden. Dann saß er wieder auf seinem Stuhl, rauchte wieder einige Züge und sagte: „Ich möchte Dir gern helfen, Michel, aber ich kann nicht. Du mußt Dir selber helfen. Und wenn Dir — Gott über so vieles hinweggeholfen hat, dann wird er Dir auch über diese Sorgen hinweghelfen." Wieder merkte der Kantor Kiwi, obwohl er jedes Wort bedacht sagte, nicht die Ironie darin, daß er den „Atheisten" mit Gottes Hilfe tröstete. Aber warum sollte Gott sich nicht auch der Atheisten erbarmen? Das Gespräch schien mit diesem Trost zu Ende zu sein. Wenigstens erhob sich der Kantor, sah nach den Türen und verschloß auch die Fensterläden. Dann ging er auf den noch unschlüssig dahockenden Boskin zu und sagte mit etwas frischerer und ivertrauenderer Stimme: „Im übrigen möchte ich Dir einen Vorschlag machen. Es hat für einen Jungen wie Dich keinen Zweck, wieder zu fremden Leuten zu ziehen. Es muß sich jemand um Dich kümmern. Wenn Du es uns erlaubst, — wir haben Dich alle sehr gern. Wenn Du nicht mehr beten und leben willst wie ein Jude, kann ich Dich nicht hindern, und wir werden Dich deshalb nicht anders ansehen als bisher. Das laß nur weiter meine Sorge sein. Wenn Du Stunden gibst und meiner Frau weiter das Kostgeld zahlst, umso besser für Dich. Tust Du es nicht, so geht es auch. Wir sind so 'und so nicht reich. Alles, was Du bisher gezahlt hast, spart meine Frau für Dich. Hier oben —" der Kantor wies auf eine Zigarrenkiste, die auf dem Schrank stand —, „hier ist das Geld, und was auch kommen mag, — es ist Dein Geld. Also, Michel. .. Und nun wollen wir schlafen gehen." Leise, auf den Zehenspitzen verließen sie die Stube, gingen durch ein großes Zimmer, wo auf bettartigen Lagern zehn von den zwölf Geschwistern schliefen, in einen kleinen Raum mit zwei schmalen Betten. Hier sagte der Kantor Boskin Gute Nacht und ging ins nächste Zimmer. Boskin wollte anfangen sich auszuziehen, da huschte der kleine Kiwi, Hosea, aus seinem Bett und war noch vollkommen angezogen. Sogar die Schuhe hatte er noch an. „Warum bist Du noch wach?" fragte ihn Boskin. „Ich bin eben erst nach Hause gekommen", sagte Hosea. „Wo warst Du denn?" 23