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Der Morgen · 1935-04-01 · Heft 1 (April 1935) · p. 22

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
11 (1935-1936)
Issue
Heft 1 (April 1935)
Article
An der Grenze
Date
1935-04-01
Page
22 (sequence 1)
Language
German
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Leo Hirsch / All der GretlZe (Fortsetzung) Die Lichter flackerten noch auf dem Tisch vor dem Kantor und Boskin. „Hör mal, Michel", begann endlich der Kantor mit mühseliger Beherrschung, „ich habe Deine Mutter nicht gekannt, aber ich weiß nicht, ob sie Dich lieber gehabt hat als meine Rachel. Ich für meinen Teil — es ist schade, daß Du nicht ein jüdisches Kind bist, aber Du bist doch ein Kind und ein Mensch, und alles andere soll mir gleichgültig sein. Bloß — bloß sag's nicht weiter. Ich hätte ja von Anfang an auf diese Neuigkeit gefaßt sein müssen, aber wie Rachel das aufnehmen würde, das weiß ich nicht. Und wenn Du mir die Liebe tun kannst, Michel, sprich nicht darüber. Vielleicht würde es Rachel weh tun. Vielleicht — Du mußt mich nicht mißverstehen, Michel, es könnte ihr weh tun, daran erinnert zu werden, daß Du nicht ihr Kind bist. Es braucht das doch niemand zu wissen, Michel. . Bittend, fast unterwürfig sah der Kantor ihn an. Inzwischen aber wurde das Gesicht Boskins straffer, beinahe hart, und er sagte kalt und gefaßt: „Man wird es zufällig entdecken, und es wird viel schlimmer sein!" „Nein, mein Junge", erwiderte der Kantor nun auch gelassener, „niemand ist auf Deine Religion neugierig, und sie geht auch niemanden etwas an!" „Ich habe schon daran gedacht, Jude zu werden, Vater, aber —" „Aber? Was aber?" „Es wäre nur Lüge und Heuchelei von mir." „Verstehe ich nicht, mein Junge", sagte der Kantor trocken und erstaunt. Dieser Wechsel in der Stimme und Stimmung des Kantors ließ Boskin stutzen. Er zögerte, er wagte nicht zu sagen, was er zu antworten hatte. Und dann sagte er es plötzlich, schnell und knabenhaft trotzig: „Ich glaube nicht an — an Gott. Ich kann nicht glauben." Und darauf in einem Gemisch von Erinnerungen an Gelesenes, an Märtyrer des Freidenkertums, an Heldenmut, Angst und Trotz, noch einmal: „Ich glaube nicht!" Das Gesicht des Kantors hatte sich wie durch einen überraschenden Schmerz verzogen. Er mußte sich dessen erst bewußt werden und sich einige Mühe geben, um über die Jugendlichkeit dieses Unglaubens-Bekenntnisses zu lächeln, und es gelang ihm erst, als sich ihm die Frage: „An welchen Gott?" auf die Lippen drängte, deren ironischer Sinn ihm selbst aber auch erst später aufging. Nun aber brach Boskins Verzweiflung sich Bahn: 22

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