Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 11 (1935-1936)
- Issue
- Heft 1 (April 1935)
- Article
- Der Künder der Humanität
- Date
- 1935-04-01
- Page
- 21 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Der Künder der Humanität Die Welle des Judenhasses, die seit den Befreiungskriegen über Deutschland hinging, hatte Humboldt — das verstand sich bei seinen tief gegründeten Überzeugungen von selbst — nicht mitgerissen; er hielt an dem Ideal der Assimilation fest, für das er am beredtesten in einer großen Denkschrift von 1809 geworben hatte. Immerhin klingen seine Äußerungen über das Judentum jetzt manchmal frostiger und kritischer. Vielleicht ist dieser Wandel der Tonart eine Konzession an seine Frau, die sich ganz dem germanischen Ideal hingegeben hat und Wilhelms Philosemitismus für den einzigen Fehler erklärt, den sie an ihm kenne. In der Sache aber kommt er ihr nicht entgegen. Im Gegenteil, gerade auf dem Wiener Kongreß setzt er sich nach Kräften für die bürgerliche Gleichberechtigung der Juden in ganz Deutschland ein, wie Hardenberg sie schon 1812 für Preußen eingeleitet hatte. "Ich bin dieser Sache immer geneigt gewesen", bekennt er im Sommer 1815, „ich habe viel in verschiedenen Zeiten darüber nachgedacht und bleibe meiner alten Meinung getreu. Es ist überdies eine Jugendidee bei mir . . ." Gemeinsam mit Metternich und Hardenberg wirkt er den judenfeindlichen Vertretern einiger Mittel- und Kleinstaaten entgegen, freilich nur mit mäßigem Erfolg und in dauerndem Kampf auch gegen Carolinens Widerstand. Als Gesandter in London tritt Humboldt dann in nahe Beziehung zu Nathan Rothschild, der oft sein Tischgast ist und dessen Firma auch sein Privatvermögen verwaltet. Er rühmt ihn der Berliner Regierung, die gerade nach einer großen Anleihe Ausschau hält, als den unternehmendsten Kaufmann, als zuverlässigen, billigen, sehr rechtlichen und verständigen Menschen; Caroline gegenüber klagt er zwar über Rothschilds Unbildung, der aber „sehr viel Verstand und für das Geld wirklich Genie" gegenüberstehen. Als im Juni 1867 Wilhelm von Humboldts 100. Geburtstag feierlich begangen wurde, fiel Heymann Steinthal, dem Fortsetzer seiner bahnbrechenden sprachwissenschaftlichen Arbeiten, die Aufgabe zu, vor Berlins Studenten die Festrede zu halten. Seine Würdigung Humboldts gipfelte in einer Lobpreisung der staatsphilosophischen Ideen des großen Toten: „Es ergreift mit wundersamer Gewalt, zu lesen, wie ein 25jähriger Jüngling mit unbeugsamer Folgerichtigkeit ganz gegen den Strom der Ansichten der Zeit vor fast hundert Jahren die Ideen entwickelt, die heute noch so mancher nicht begreift, obwohl wir schon anfangen, ihre Wahrheit durch ihre Verwirklichung zu beweisen." An Humboldts 100. Todestage dürfen wir uns nicht zu so hohen Worten erheben. Aber wir wollen uns dankbar zu Humboldts Geist bekennen; denn mit Lessing und Kant, Goethe und Schiller zusammen verkörpert er jenes innere Deutschland, an dem auch wir einen unverlierbaren Anteil haben, so lange wir uns strebend darum bemühen. 21