Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 11 (1935-1936)
- Issue
- Heft 1 (April 1935)
- Article
- Universität Jerusalem
- Date
- 1935-04-01
- Page
- 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Universität Jerusalem in vieltausendjährigen Zeiträumen denkende Juden darüber zu belehren, daß ein zurückgelegtes Jahrzehnt allein noch keine Leistung ist. Viel eher ist es der fast willkürlich, wenn auch bewußt und freudig ergriffene Anlaß zum Innehalten, zur Musterung des Erreichten und zu neuem Entschluß, aus dem einst Leistung erwachsen soll. Eine Art von Willkür haftet übrigens auch dem Ereignis an, das vor 10 Jahren stattfand. Was damals in Anwesenheit Lord Balfours, Lord Allenbys und unter der Anteilnahme der ganzen wissenschaftlichen Welt in Jerusalem gefeiert wurde, hätte mit dem gleichen Recht einige Jahre früher oder später auch gefeiert werden können. Die Grundsteinlegung für die Universität war in Gegenwart der drei großen Religionen schon im Jahre 1918 erfolgt. Die Bibliothek bestand seit 1892. Das judaistisch-orientalistische Institut sowie die ersten naturwissenschaftlichen Forschungsanstalten befanden sich im Aufbau. Daß man mitten in dieser Entwicklung die Einweihung eines Teilneubaus und die Grundsteinlegung eines Gebäudes für die mathematische und physikalische Fakultät zum Anlaß eines Festaktes machte, bei dem die Welt aufhorchte, entsprang viel eher dem Willen zu einer weithin sichtbaren symbolhaften Handlung als dem wirklichen Stande nüchterner Tatsachen. Aber gerade in der Willkür dieser Geste lag ihr Programmatisches. Man wartete absichtlich nicht, bis die äußere Entwicklung der Gebäude und die innere Ausdehnung der Forschung und der Lehre auf alle wesentlichen Teilgebiete den Begriff „Universitätseröffnung" rechtfertigten, sondern mitten in Haufen von Schutt und Steinen, mitten hinein in Bruchstücke und Pläne rief man das anspruchsvolle Wort, das nach Fertigem klang und das doch nur das Gelöbnis eines Beginnes in sich schloß. So hat man es sich mit voller Absicht schwer gemacht. Indem man Lord Balfours Worte hinnahm, daß „hier eine neue jüdische Epoche beginnt" und daß die Universität Jerusalem „ein intellektuelles Zentrum für die ganze Welt" werden solle, nahm man zugleich eine Verpflichtung auf sich, die das junge Werk schon vor seiner Verwirklichung zum Schuldner des Judentums, ja zum Schuldner der Welt machte. 2