Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 10 (1934-1935)
- Issue
- Heft 12 (März 1935)
- Article
- Amerikanisches Judentum in Bewegung
- Date
- 1935-03-01
- Page
- 565 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Amerikanisches Judentum in Bewegung Wer die Verhältnisse innerhalb des amerikanischen Judentums, wenn auch nur von außen her, beobachtet, kann in den letzten Monaten eine tiefgreifende Wandlung feststellen. Es scheint, daß die Welle, die durch die Juden der ganzen Welt geht, — die Welle der jüdischen Selbstbesinnung, der Aktivierung und Festigung jüdischer Kräfte, der Zusammenfassung und Konzentration — daß diese ganz große Welle auch bis nach Amerika gedrungen ist. Auch die nordamerikanischen Juden haben es zu spüren bekommen, daß die Parole in der Zeit des Wohlstandes: „Prosperity for ever" ihren Wert und ihre Geltung verloren hat. Jetzt weiß man von der Ungesichertheit. Man weiß davon, daß es keinen „Wohlstand für immer" gibt. Amerika befindet sich heute in einem großen Umbau seiner sozialen Ordnung, seiner politischen und wirtschaftlichen Welt. Die Wirtschaftspolitik des Präsidenten Roosevelt hat zu der Erkenntnis geführt, daß man nur mit konstruktiven Maßnahmen den bestehenden Schwierigkeiten beikommen könne. Das scheint auch auf jüdische Kreise in den Vereinigten Staaten nicht ohne Einfluß geblieben zu sein. Es hat sie für neue Gedanken empfänglich gemacht, wie ja heute ganz Amerika neue Gedanken und für seine früheren Anschauungen fast revolutionäre Maßnahmen mit einer Schnelligkeit verdaut, die man nur bewundern kann. Mag auch das Schicksal der deutschen und die Not der polnischen Juden nicht ohne Einfluß auf die Gedankenwelt der Juden in den Vereinigten Staaten geblieben sein — sicher ist, daß heute in USA. eine starke Bewegung die Aktivierung der jüdischen Kräfte und vor allem der jüdischen Massen erstrebt Man denkt darüber nach, ob der gegenwärtige organisatorische Aufbau des amerikanischen Judentums diesen neuen Aufgaben gewachsen sei oder nicht. Das amerikanische Judentum mit seinen vier Millionen Menschen fühlt heute die Verantwortung, die Juden in Mittel- und Osteuropa zu stützen, denen es wirtschaftlich nicht gut geht, und die Verpflichtungen aus der Tatsache, daß die amerikanische Wirtschaftskrise einen Boden bereitet hat, der für antisemitische Parolen nicht unempfindlich ist. Man weiß natürlich auch, daß der Aufbau Palästinas die vermehrte Unterstützung der amerikanischen Juden erfordern wird. Diese Überlegungen werden an der Wirklichkeit gemessen. Und die Wirklichkeit zeigt eine Dezentralisation des amerikanischen Judentums, die an Zersplitterung und Chaos grenzt. Synagogengemeinden im deutschen Sinne, die von selbst alle Juden eines Ortes erfassen, gibt es nicht. Es gibt nur Synagogenvereine und -vereinchen als private Institutionen, mit all jenen Reibereien und Mißhelligkeiten, die sich naturgemäß nicht vermeiden lassen. Auch auf dem Gebiete der Religion gab es bisher einen freien Wettbewerb dieser privaten Synagogenvereine. Und da der freie Wettbewerb in Amerika allgemein ein Problem geworden ist, das man vom Gesichtspunkt der Allgemeinheit und Gesamtheit aus zu lösen versucht, wird er auch im jüdischen Bezirk mehr und mehr als unangebracht und verderblich empfunden. 565