Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 10 (1934-1935)
- Issue
- Heft 12 (März 1935)
- Article
- An der Grenze
- Date
- 1935-03-01
- Page
- 544 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- article
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Leo Hirsch: An der Grenze erstenmal in seinem jungen Leben verliebt, er sah, wohin er auch seine Augen wandte, nichts als Betty und niemand als Betty, und er sah auch nicht, daß plötzlich Michael Boskin vor ihnen stand. Er sah es nicht, nur ... er folgte Bettys erstaunt sich wendendem Blick, und da erst entdeckte er seinen Haus- und Altersgenossen Michael Boskin, der mit der linken Hand ganz ungeschickt den Hut zog, und mit der rechten Hand — im rechten Arm hielt er mehr als vorsichtig einen jungen, winzigen Hasen. Die Bank, auf der die Beiden saßen, war alt, zerspellt und verwittert und hätte unzählige Liebesgeschichten erzählen können, vielleicht sogar ebenso traurige wie die, deren Anfang sie jetzt miterlebte. Ein Kohlweißling taumelte heran. Er war der erste Schmetterling im jungen Jahr, aber sein linker Flügel war leicht lädiert. Hinter ihnen floß der schmale Stadtgraben und murmelte wie ein alter Mühlbach aus der Romantik, nicht wie schmutziges Abwasser in einer Zementrinne, und vor ihnen stand Michael Boskin, den Hut in der Linken und in der Rechten einen jungen Hasen. „Nanu?" Das war alles, was Betty zur Begrüßung zu sagen hatte. Es schien, als ob sie Boskin weder erwartet noch erwünscht hätte. Aber hätte er es schon merken können? Und doch fühlte sogar Hosea diesen kalten Ausruf wie einen Stich. Er war in der unangenehmsten Lage, meinte er, weil nun sein Freund, „der herrliche Mensch", gar nicht so edel war, ihn mit Betty allein zu lassen, wie er vermutet hatte, und weil das Mädchen ihn so herzlos empfing. Er schämte sich für beide vor beiden. Unschlüssig stand Boskin vor ihnen, er machte keine glückliche Figur und hatte nicht einmal eine Hand frei, um Guten Tag zu sagen, während Betty mit einer fast schneidend klingenden Stimme anfing: „Ich verstehe gar nicht —" Glücklicherweise fand Boskin inzwischen Worte, um ihr alles zu erklären, wenn er sich auch in seiner Verlegenheit etwas verschroben ausdrückte: „Ich habe mir erlauben wollen, Ihnen dieses kleine Geschenk mitzubringen, Fräulein ..." „Ach", rief sie schnippisch, „ein Karnickel!" Boskin mäßigte mit Mühe seinen Ärger über so viel Unwissenheit. Betty zeigte nicht die mindeste Neigung, ihm das Tierchen abzunehmen. „Es ist ein Hase", sagte Boskin, „ich habe ihn für Sie aus dem Walde geholt". „Ich dachte auch, es wäre ein altes Kaninchen", mischte sich nun Hosea ein; es war nur seine Absicht, Betty zu verteidigen, nicht seinen Freund zu kränken. Boskin wollte seine Sache noch nicht verloren geben. „Es ist ein Hase, höchstens vier Tage alt. Ich habe ihn aus dem Nest genommen. Sie müssen ihm Heu und Hafer geben. Die ersten Tage Milch. Er sieht noch nicht." 544