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Der Morgen · 1935-03-01 · Heft 12 (März 1935) · p. 543

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Journal
Der Morgen
Volume
10 (1934-1935)
Issue
Heft 12 (März 1935)
Article
An der Grenze
Date
1935-03-01
Page
543 (sequence 2)
Language
German
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An der Grenze niemand kümmerte sich darum. Der kleine Zug setzte sich bereits in Bewegung, Haggai und Maleachi voran, die anderen zu je dreien in drei Reihen, dann die Eltern Kiwi mit der älteren Dame, die Bettys Mutter war, und endlich Hosea Kiwi mit Boskin und dent Mädchen. Sie sprachen nicht viel, aber sie verabredeten sich für den Nachmittag im Park. „Um fünf Uhr?" schlug das Mädchen vor. „Ja", sagten Boskin und Hosea Kiwi, „um fünf". Als Hosea Kiwi sich im Park auf die erste Bank setzte und zum erstenmal auf die Uhr sah, war es erst halb fünf. Die Uhr, das obligate Barmizwah-Geschenk, hatte eine blecherne Schale, aber einen goldenen Kern, weniger was den Metallwert als was die Widerstandskraft anging. Außerdem schien sie ein angeborenes Talent zu haben, aus Nöten Tugenden zu machen, denn indem sie es sich nicht nehmen ließ nachzugehen, schien sie das Glück ihres Inhabers zu beschleunigen. Kurzum, sie zeigte kaum dreiviertel fünf, als Betty erschien, sich zu Hosea setzte und fragte: „Wo ist denn der . . . der . . ." Sie kam offenbar nicht auf den Namen. „Michel?" fragte Hosea und fuhr gleich fort: „Ja, ich weiß nicht, gleich nach dem Essen lief er fort, keine Ahnung wohin — weißt Du, er ist ein wundervoller Mensch, er wollte, fürchte ich, ja, ich fürchte beinahe, er wollte nicht herkommen, er ist vielleicht nur deshalb weggegangen, um nicht herzukommen, er kriegt das fertig, weißt Du . . ." Da unterbrach ihn Betty: „War das der Junge, der so lange auf Krücken ging?" „Wußtest Du das nicht?" meinte der kleine Kiwi fast strafend, aber er entschuldigte sie sofort: „Michel hat schrecklich viel durchgemacht, glaube ich. Er ist allein übrig geblieben von einer ganzen Stadt drüben, in Russisch-Polen, wo die Kosaken gehaust haben, weißt Du. Er ist ein herrlicher Mensch!" „Er spricht mir zu viel!" schnitt Betty schnippisch das Gespräch ab, und ehe Hosea hätte herausfinden können, was sie bewegte, dem schweigsamen Boskin Redseligkeit anzudichten un3 das ihm, dem redseligen Hosea Kiwi, gegenüber zu rügen, begann sie mit betonter Liebenswürdigkeit ein neues: „Warum haben wir uns so lange nicht gesehen?" Wäre Hosea zwanzig Jahre älter gewesen, so hätte er vielleicht geantwortet: „Wir mußten in diesen Jahren und Monaten noch Eierschalenreste der Kindheit abwerfen, ehe sich das Wiedersehen lohnte" . . . „Gefällt er Dir nicht?" fragte Hosea erstaunt. „Er spricht mir zu wenig", sagte das Mädchen Betty, und ehe Hosea noch Zeit zum Erstaunen fand, begann sie schon mit betonter Liebenswürdigkeit von anderen Dingen zu sprechen, die ebenso gleichgültig waren. Denn ist es nicht gleichgültig, wovon man spricht, wenn man verliebt ist? Und der kleine Kiwi war zurrt 543

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