Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 10 (1934-1935)
- Issue
- Heft 11 (Februar 1935)
- Article
- Max Brods Heine-Biographie [Rezension]
- Date
- 1935-02-01
- Page
- 522 (sequence 2)
- Language
- German
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einer ganz bestimmten Methode immer wieder die Beziehungen zu unserer Gegenwart herstellt, spricht von einer „verhängnisvollen Fehlkonstruktion", die durch das Idol einer absoluten Assimilation damals entstand und ihre verwirrenden Wirkungen bis heute ausgeübt hat Heine hatte durchaus das Organ für diese tragische Situation, die optimistische Kleingeister als Lösung begrüßten. Gerade da er in vielen Weiten liebte und deutsche, französische, jüdische Elemente in seiner Seele vereinigte, empfand er auch die Spannung zwischen ihnen, ihre Furchtbarkeit und ihren Schmerz. Aber die Emanzipation war eine geschichtliche Notwendigkeit, und töricht ist es, sie nur von der negativen Seite aus zu sehen. Der Zionist Max Brod spricht es deutlich aus: „Die Ghettomauern waren eine Haßumklammerung. Diese Umklammerung zu sprengen: das war schon der höchsten Mühe edelster Juden wert — eben weil es eine haßvolle Umklammerung war und weil der Satz gilt, daß Haß nicht nur den Gehaßten, sondern auch den Hassenden zum Schaden gereicht." So wendet er sich auf schärfste gegen eine „Reghettoisierung" und folgt auch darin dem Beispiele Heines und der positivsten Ergebnisse seines Zeitalters. Denn Heine war vielleicht der einzige, dem es fast unbewußt gelang, den Weg in eine neue Zeit und in den deutschen Lebensraum zu finden, ohne sein lebendiges Judentum zu verlieren. Mir scheint, daß hier der Schwerpunkt von Brods Buch und zugleich auch der jüdischen Bedeutung Heinrich Heines liegt. Ich rechne Max Brods Heine-Buch (es ist bei Tal & Co., Leipzig—Wien, erschienen) zu den wichtigsten Werken, die in der letzten Zeit und aus dem Ernst der beunruhigten Gegenwart entstanden sind. Das Bildnis eines großen Dichters und Menschen steht vor uns, und zugleich wird unser geistiges Sehen geschärft für Schicksalsfragen, die es auch gestern gegeben hat, die einer verträumten Vergangenheit aber entschwunden waren, und die uns heute zu einem neuen Aufbruch veranlassen. Ein Buch der Erkenntnis, der Mahnung, des Wissens und zugleich ein Buch der dichterischen Reife und Meisterschaft, für das wir nur danken können. Rudolf Kayser Adrienne Thomas, Dreiviertel Neugier. Verlag E. P. Tal, Wien 1934 Da die Sprache der Stoff ist, in dem der Schriftsteller arbeitet, so ist untrügliches Zeichen seines Ranges der Gebrauch der Sprache und der Bilder. In diesem Roman aus der Kriegs- und Inflationszeit müßte das Geschehen in ganz andere Tief en hinunterreichen, die Atmosphäre einer Musikschule in anderer Intensität erfaßt, das Künstlertum der Heldin wirklich glaubhaft gemacht sein, damit wir uns für diese Wesen und ihre Liebesirrungen ernsthaft interessieren könnten. Der Abschluß — die Heldin wird von einem Auto gerade in dem Augenblick überfahren, als sie vor der Entscheidung zwischen zwei Liebhabern steht — bleibt rein äußerlich und wirkt als Zufallslösung, während in dem Kriegsbuch „Die Katrin wird Soldat" der Tod als Lösung organisch in das Geschehen hineinverwoben schien. Und damit ist Entscheidendes über den Wert dieses Buches ausgesagt. D. E. 522