Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 10 (1934-1935)
- Issue
- Heft 11 (Februar 1935)
- Article
- Max Brods Heine-Biographie [Rezension]
- Date
- 1935-02-01
- Page
- 521 (sequence 1)
- Language
- German
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Max Brods Heine-Biographie Moritz Heimann spricht einmal davon, daß jedes Buch zwei Überschriften besitze: «ine gedruckte und eine heimliche, die nicht gedruckt ist In der gegenwärtigen Situation gilt dieses Wort besonders für jene Bücher, die eine jüdische Gestalt oder einen Gegenstand aus der jüdischen Geschichte darstellen. Die zweite, die heimliche Oberschrift, ist immer die jüdische Problematik, wie sie heute in ihrem furchtbaren Ernst und ihren strengen Denkforderungen zu uns spricht Gerade bei Heine wird das besonders deutlich. Er ist der größte deutsch-jüdische Dichter und zugleich die bedeutendste Gestalt der frühen Emanzipation. Seine Lyrik ist tief in das Bewußtsein vieler deutscher Generationen eingedrungen; das „Buch der Lieder" blieb das populärste Gedichtwerk bis in die Zeit unserer Eltern. Aber Heine ist auch erfüllt von dem geistigen Sturm einer großen Zeitwende und zugleich hingegeben den Erbgütern deutscher und jüdischer Tradition. Demütig gegenüber fchesem Erbe und wach und kritisch gegenüber der Zeit geschichte, erlebt und erleidet er alle Probleme des deutschen Juden. Als einer der ersten Dichter des 19. Jahrhunderts schafft er (mit einem Worte von Karl Jaspers) aus einem „epochalen Bewußtsein" und ist zugleich von ewigen Melodien erfüllt. Nietzsche, der wie kaum ein anderer Heines tiefstem Wesen gerecht wurde, bekannte, daß er ihm den höchsten Begriff vom Lyriker gegeben habe. „Ich suche umsonst in allen Reichen der Jahrtausende nach einer gleich süßen und leidenschaftlichen Musik. Er besaß jene göttliche Bosheit, ohne die ich mir das Vollkommene nicht zu denken vermag, — ich schätze den Wert von Menschen, von Rassen darnach ab, wie notwendig sie den Gott nicht abgetrennt vom Satyr zu verstehen wissen." Die Perspektiven einer Darstellung Heines gehen in unserer Zeit über das Literarische weit hinaus. Darin liegt das besondere Kennzeichen und der große ethische Wert von Max Brods Buch: daß es in diesem Dichter auch einen Charakter zeigt, an dem sich das Schicksal des deutschen Juden, seiner zeitlichen und überzeitlichen Probleme offenbart; es ist deshalb nicht nur das tiefste, gedankenreichste und auch — wenn man so sagen darf — richtigste über Heinrich Heine, sondern zugleich auch die tiefste Deutung seines Wesens aus schicksalhaften Voraussetzungen, der wir alle unterworfen sind. Dabei ist dieses Buch, das ein Dichter und Menschengestalter geschrieben hat, zugleich das Ergebnis ernster wissenschaftlicher Forschungen; auf jeder Seite zeigt es große Kenntnisse einer Epoche, die in der Vielfältigkeit ihrer Motive und Figuren noch immer zu den unbekanntesten derdeutschenGeistesgeschichte gehört. Auf zwei große Welten wird Heines Persönlichkeit bezogen: auf Deutschtum und Judentum, und die Beziehungen auf diese Welten stammen aus tiefen geistigen Gefühlen. Die Emanzipation, in deren Beginn Heines Jugend fällt, klärte keineswegs die jüdische Situation, sondern schuf vielmehr Ratlosigkeit und Verwirrung, die durch Generationen hindurch andauerten. Brod, der nach 521