Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 10 (1934-1935)
- Issue
- Heft 11 (Februar 1935)
- Article
- Religiöse Jugenderziehung
- Date
- 1935-02-01
- Page
- 507 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Religiöse Jugenderziehung Abschließung: Selbstschutz. Ihre Bemühung: vielleicht ein Segen für die größere Gemeinschaft, wenn sie noch Ernst versteht. In den Bünden finden sich Menschen, die solcher neuen Vertiefung fähig sind; denn außerhalb ihrer stehen heute fast nur die ganz Gleichgültigen und einzelne ernste ringende Menschen. Und die Bünde bieten eine Reihe wichtiger, wenn auch nicht die einzigen Voraussetzungen für solche Gemeinschaft. Ich könnte mir denken, daß solche Gruppen versuchen, Schritt für Schritt sich in die jüdische Formenwelt einzuleben, mit der ganzen schönen Behutsamkeit, die Expreßlösungen im religiösen Leben vermeidet. Wenn die Gruppe zugleich noch Bildungsarbeit leistet, auf Fahrt geht, wenn sich in ihr stärkere persönliche Bindungen ergeben haben, dann hat sie vielleicht die Unbefangenheit gewonnen, daß unmittelbar religiöses Leben in ihr wirken kann, daß aber auch jede Unaufrichtigkeit im Religiösen, jede Formel unnachsichtig verbannt wird. Bei dieser schrittweisen Aneignung wird dann etwas sehr Charakteristisches entstehen. Während einTheoretisieren über den Sinn religiöser Formen meist im Kreise herum führt, entsteht aus dem Tun oft wie von selbst ein Sinn, und dieser Sinn wirkt — wie eine glückliche Bestätigung — auf das Tun steigernd, bereichernd, belebend zurück. Dann tritt zu dem unmittelbar erlebten Sinn der gewußte, erlernte hinzu. Diese Wechselwirkung von Sinn und Tun ist etwas spezifisch Pädagogisches, im weitesten Sinn des Worts: man läßt im Menschen etwas entstehen, indem man planmäßig die Art dieses Entstehens von der Empfangs- und Entwicklungsbereitschaft des Menschen abhängig macht. Wer diese Wechselwirkung verstanden hat, muß immer wieder den Versuch machen, sich bescheiden und gläubig als Glied der Kette einzufügen, aber nicht in dem banalen Aberglauben, daß es geschichtstranszendente Formen gäbe, sondern in der echten Hoffnung, daß dem religiös Erfüllten auch das Fremdeste und Unverstandene zum Eigensten und Offenbarsten zu werden vermag. Dann findet man sich in dem Bezirk religiöser Ursprünge, in dem das Gesetz nur Teil eines unmittelbar gewissen Ganzen ist und Erklärungen des Sinnes wie ein überflüssiges Nachwort erscheinen. Es gibt aber eine Haltung demütigen Wartens, für die das unverstandene Gebot Ausdruck wird für die schlechthin unverstehbare Erscheinung Gottes. Diese großartige Naivität findet sich heute selten. Und daher gilt es, die verantwortliche Autonomie der religiösen Praxis zu bewahren, aber in einer Geschichtsmächtigkeit, wie sie der traditionellen Autonomie des jüdischen Liberalismus seit langem fehlt. Dann entstünde ein neues religiöses Judentum, das die Alternative von konsequent rationaler Geschichtsbetrachtung und dem Glauben an die stets aktualisierbaren „ewigen" Wahrheiten von der Thora bis zum Schulchan aruch ebenso überwindet wie das unheilvolle Entweder-Oder von Liberalismus und Orthodoxie. 507