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Der Morgen · 1935-02-01 · Heft 11 (Februar 1935) · p. 486

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
10 (1934-1935)
Issue
Heft 11 (Februar 1935)
Article
Bildung und Weltanschauung
Date
1935-02-01
Page
486 (sequence 6)
Language
German
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Martin Buber tritt, eine eigentümliche Problematik an, die eine ganz neue, vorher nicht gestellte und nicht stellbare Wahrheitsfrage einschließt. Es ist die Problematik dessen, was ich als die dialektische Innenlinie bezeichnen möchte. Solange die Weltanschauung in den Höhen des reinen Gedankens und des unbedingten Willens schwebt, nimmt sie sich glatt und fugenlos aus; sowie sie die Erde unseres Lebens betritt, erhält sie einen Riß — einen wenig beachteten, aber äußerst wichtigen Riß mittendurch. Wir befinden uns nun im Raum des konkreten, persönlichen Lebens; jede Gruppe hat ja (was sie gern vergißt) ihre Konkretheit, die konkrete Probe, die über die Zukunft entscheidet, im Leben der Personen, die ihr angehören. Hier, in diesem Raum, scheidet und entscheidet es sich innerhalb der Weltanschauung. Von einer doppelten Frage aus vollzieht sich die Scheidung: Worauf steht deine Weltanschauung? Und: Was fängst du mit deiner Weltanschauung an? Worauf sie stehe — das heißt: auf welcher Weite und welcher Dichtigkeit der persönlichen Erfahrung, des lebensmäßigen Wissens um die Dinge und um die eigne Person. Einer Weltanschauungsgruppe angeschlossen sein, kann eine echte Wahl bedeuten oder einen täppischen Zugriff wie im Blindekuhspiel. Heute forciert man nur allzu oft den Anschluß, man läßt ihn sich schon mitten in der Pubertätszeit vollziehen, in einem Lebensalter also, das zumeist der echten Wahl noch nicht gewachsen ist und das (und mit ihm das Leben) man verdirbt, wenn man ihm die Wahl aufnötigt. Man erkläre die Pubertät zum Naturschutzpark, oder unsre Menschen werden verdorben. Je nach dem Grund, worauf eine Weltanschauung ruht, je naqhdem, was für Wurzeln sie hat, Luftwurzeln oder wirkliche, entscheidet es sich, was ihr an nährender Wirklichkeit zufließt, entscheidet sich ihr Wirklichkeitsgehalt — und von dem aus die Zuverlässigkeit ihres Wirkens. Und zum zweiten: was man damit anfange — das heißt: ob einer seine Weltanschauung nur verficht und „durchsetzt" oder sie auch lebt und bewährt, so gut er eben je und je kann (so gut er kann; es gibt ein großartiges Entweder — Oder, das im Kern nichts anderes ist als Flucht, Ausflucht). Die Wahrheit einer Weltanschauung wird nicht in den Wolken erwiesen, sondern im gelebten Leben: wahr ist, was bewährt wird. Im einheitlichen Marschtakt einer Gruppe verliert sich heute die Unterscheidung, wessen Schritt den Gang seiner richtungerfüllten Existenz selber und wessen Schritt nur eine beredte Gebärde bedeutet. Und doch ist diese Unterscheidung, die quer durch jede Gruppe führt, gewichtiger noch als die zwischen Schar und 486

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