Mannheim
Compact Memory

Der Morgen · 1935-02-01 · Heft 11 (Februar 1935) · p. 485

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
10 (1934-1935)
Issue
Heft 11 (Februar 1935)
Article
Bildung und Weltanschauung
Date
1935-02-01
Page
485 (sequence 5)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
93% known words query
IRI
…/2895450-2895526-2895537-2904647--07701-2904692
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Bildung und Weltanschauung zenen, aber Verschiedengesinnten, der Bund der Bünde. Gemeinschaft ist Bewältigung der Anderhei t in der gelebten Einheit. Es gilt nicht „Toleranz" zu üben, sondern Vergegenwärtigung der Wurzelgemeinsamkeit und der Verzweigungen; es gilt den Stamm so zu erfahren und zu erleben (hier steht "das oft fragwürdige Wort zu recht), daß man auch erlebt, wo und wie die andern Äste abspringen und hinschießen, so wirklich wie der eigne. Es gilt nicht eine formelhafte Scheinverständigung auf einer Minimalbasis, sondern Wissen um das Wahrheitsverhältnis von drüben, um des andern Realverhältnis zur Wahrheit; nicht „Neutralität", sondern Solidarität, lebendiges Füreinandereinstehn, und Mutualität, lebendige Wechselwirkung. Nicht Verwischung der Grenzen zwischen den Bünden, Kreisen und Parteien, sondern gemeinschaftliche Erkenntnis der gemeinsamen Wirklichkeit und gemeinschaftliche Erprobung der gemeinsamen Verantwortung. Innerhalb der Lernzeiten dieser unserer „Erwachsenenbildung" hat es eine gegeben, die Führer einiger Jugendbünde einer einzigen Weltanschauungsgruppe vereinigte (andre Gruppen haben sich inzwischen zu ähnlichen Unternehmungen gemeldet), und eine, zu der mehrere verschiedene Gruppen ihre Jugendführer entsandt hatten. Jene war eine Idylle, hell und warm, ungehemmt, in der ersten Stunde schon fast zu ihrer vollen Gestalt gediehen. Die andre war ein Drama, hart und ereignisreich. Man kostete, was das für ein Ding ist, die Anderheit des Andern, man hatte etwas auszutragen, man trug es aus, man geriet sich in die Haare, man geriet sich in die Arme. Am dritten Tag stand's kritisch, man hatte es ja „schon immer gewußt, daß so was nicht geht", am Abend geschah nichts und etwas, und am vierten Morgen wiesen der Sport und das Singen einen neuen Schwung des Mitsammen auf. Der erste dieser beiden Lernzeittypen gehört durchaus dazu, ich möchte ihn nicht missen; aber der zweite erst liefert das eigentliche Werk. Vitale Dissoziierung ist die Krankheit der Völker in unserei} Zeit, die durch eine zusammenpressende Aktion nur scheinbar zu heilen ist. Gesteigert ist dieses Übel im Judentum, das eines einheitlichen organischen Baus entbehrt. Hier kann zunächst nichts andres helfen als ein rechtschaffnes Miteinanderzutunbekommen der Menschen verschiedner Gesinnungskreise in gemeinsamer Erschließung des gemeinsamen Grundes. Darauf geht die Pädagogik, die Andragogik unserer Bildungsarbeit aus. Aber sie setzt die verschiednen Weltanschauungsgruppen nicht bloß in unmittelbare Beziehung zu einander, sie gibt auch jeder einzelnen das, was diese für ihre eigene Weltanschauung braucht und sich selbst nicht geben kann. Jeder Weltanschauung heftet sich, sowie sie aus dem Bereich des Denkens und Planens in den Bereich des Menschenlebens 485

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.