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Der Morgen · 1935-02-01 · Heft 11 (Februar 1935) · p. 482

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Journal
Der Morgen
Volume
10 (1934-1935)
Issue
Heft 11 (Februar 1935)
Article
Bildung und Weltanschauung
Date
1935-02-01
Page
482 (sequence 2)
Language
German
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Martin Buber zugehen, sondern daß man auch von etwas ausgehen muß. Und nun verhält es sich so, daß das „Auf was zu" von uns selbst, von unserer zweckbestimmenden „Weltanschauung" gesetzt werden kann, nicht aber das „Von wo aus". Dieses zu setzen, zu machen kommt uns nicht zu; was wir mit solchem Anspruch zurechtmachen, erweist sich bald als trügliches Gemächt. Wovon einer tatsächlich ausgehen kann — nicht bloß sich einreden, daß er's tue, sondern wirklich seinen Ausgang davon nehmen —, das muß etwas anderes sein als ein Standpunkt oder meinetwegen Standort, es muß ein rechter Stand und Urständ sein: eine Urwirklichkeit, die mich auf den Weg zu meinem Ziel nicht entläßt, sondern, wiewohl ich selber es mir erwählt habe, mich leitet, damit ich es nicht im Gehen verwechsle und so verfehle; die mir beisteht. Eine, die mich hervorgebracht hat und die mich, wenn ich mich ihr anvertraue, zu tragen, zu hüten, mich zu bilden bereit ist. Zu ihr, zu meinem „Volk" (in einem größeren Sinn als dem, um den die Gruppen etwa noch streiten), zu seinen bildnerischen Kräften will die Bildungsarbeit den — verlorenen oder geminderten — vollen Zugang wieder eröffnen, oder seinen Kräften den Zugang zu mir. Mit Volk kann hier naturgemäß nicht weniger gemeint sein als alle Mächtigkeit seines Daseins vom Ursprung am brennenden Berg bis zu dieser seismischen Stunde, mit Kräften nicht weniger als sie alle, mit denen seine Sprache und sein Schrifttum, seine Geschichte und auch noch die brüchige Vielfältigkeit seines gegenwärtigen Lebens geladen sind. Das Verkehrteste begeht freilich jener, der diese wirkungsstarke, zu wirken verlangende Wirklichkeit durch eine Abstraktion ersetzt und aus dem großen Urständ also wieder einen formulierbaren Standpunkt zurechtmacht; wozu noch bemerkt werden mag, daß die allerschlimmste solcher Abstraktionen die theologische ist, eben weil sie am höchsten greift: gewiß sind wir „Gottes Volk", aber Gottes können wir nur sein, wenn und insofern wir faktisch Volk sind, vollständiges Volk, mit aller Volksleiblichkeit ausgestattet, die not ist, um als Volk jenen „Anfangsteil Seiner Ernte" wirklich werden zu lassen. Wer die Gehäuse der menschenbildnerischen Kräfte, wer unsre Sprache und unser Schrifttum, unsre Geschichte und unser Volksleben nicht kennt und nicht kennen lernt, lasse ab von unserer Sache, wo er nur irregehen und irreführen kann! Ueber die Kräfte können wir nicht verfügen, wir können nur zu ihnen hinleiten. Es sind diese besonderen, ursprünglichen, individuierten Kräfte, und sind doch nicht ethnisch, so wenig wie sie religionhaft sind, sondern beides in einem und mehr und andres. Aber mit der Einsicht in die Besonderheit der Bildungskräfte ist nichts über den Bildungsstoff ausgesagt. Der Bereich, dem dieser zu entnehmen ist, ist schlechthin kein besonderer, er umfaßt grundsätzlich alles; was ihm aber jeweils entnommen wird, das be- 482

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