Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 10 (1934-1935)
- Issue
- Heft 11 (Februar 1935)
- Article
- Bildung und Weltanschauung
- Date
- 1935-02-01
- Page
- 481 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- article
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Martin Buber: Bildung und Weltanschauung Wir, die wir an der sogenannten Erwachsenenbildung arbeiten, begegnen immer wieder einem Widerstand der Weltanschauungsgruppen gegen das „Allgemeine", das da getrieben wird. Sie erklären: erstens, daß die Auswahl des für ihre Angehörigen Wissenswerten von keiner anderen Instanz aus rechtmäßig zu treffen sei als von der sie bestimmenden Tendenz aus, da nur hier entschieden werden könne, was einer zu wissen brauche, um zur Durchsetzung dieser Tendenz beizutragen; und zweitens, daß überhaupt jede Gruppe ihre gesamte Erziehungstätigkeit im eigenen Haus zu besorgen habe, denn nur hier, unter Gleichgesinnten, sei jene Straffheit und Schwungkraft möglich, auf die es ankomme, mit Andersdenkenden komme man vernünftigerweise nur zusammen, um sich mit ihnen „auseinanderzusetzen", nicht um miteinander etwas zu lernen, was angeblich gemeinsam gelten soll, also weltanschauungsleer oder doch weltanschauungsarm sein müsse. Das wird zwar im wesentlichen hinsichtlich der Jugendlichen erklärt, aber im Grunde sind alle noch so alten Leute mitgemeint, sofern sie eben noch Jugend in sich haben, also noch bildsam sind — und in dieser Zeit hat ja mancher, der vordem ganz fertig, ganz unabänderlich schien, eine zweite, eine Krisen-Jugend gewonnen, ist aufgerührt, aufgelockert worden, wieder weiche Tonerde. Vorweg sei gesagt, daß mir diese Haltung der Weltanschauungsgruppen recht verständlich ist. Die direkte Aktion beherrscht die Stunde, und man hat keine Zeit zu verlieren. Nach dem Weltkrieg sind zu viele gescheite Gespräche geführt worden, die heute unverbindlich anmuten. Es ist zu begreifen, daß die Meinung aufgekommen ist, eine unpolitische Bildung schwäche die Stoßkraft und der allgemeine Geist lenke vom Ziel ab, das eben; immer ein besonderes und als solches den anderen Zielen entgegengesetztes sei. Stimmen tut das freilich nur vordergründig, nur wenn man die Dinge wie auf einer Leinwand geschehen sieht; es stimmt nicht mehr, wenn man sich in die dritte Dimension begibt und erfährt, was „dahinter steckt". Mit einem der geläufigen Bildungsbegriffe ist dabei jedoch nichts anzufangen, die halten nicht stand. Der wirklich zeitwahre, zeitgerechte Bildungsbegriff muß auf der Einsicht begründet sein, daß es, um irgendwo hinzugelangen, nicht genügt, auf etwas zu- 481