Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 10 (1934-1935)
- Issue
- Heft 10 (Januar 1935)
- Article
- Zum Gedächtnis Rudolf Hallos
- Date
- 1935-01-01
- Page
- 470 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Barons v. Münchhausen. Aber er hat mehr getan: er hat Schriften von Leibniz entdeckt und herausgegeben, die auf Kant von großer, vielleicht bestimmender Wirkung waren; wahrscheinlich geht auch Herders berühmte Volkslieder-Sammlung auf seine Anregung zurück. Hätten seine bis in Einzelheiten ausgeführten Pläne sich dauernd durchgesetzt, so wäre die Idee des Germanischen Museums, eine vollständige Sammlung der Zeugnisse mittelalterlicher, „gotischer" Kultur und Kunst anzulegen, schon zwei Generationen früher in Kassel verwirklicht worden. Und dabei haben wir die Weite und Tiefe dieses Geistes noch lange nicht umschrieben: als Geologe gehört er mit der Theorie der Gebirgsbildung aus vulkanischen Eruptionen noch bis heute zu den wichtigsten Männern des Faches, als Entdecker und Herausgeber antiker Kunstquellenschriften hat er einen Platz in der Kunstgeschichte; als Paläontologe versucht er das Alter von Mammutzähnen zu bestimmen und schlägt wissenschaftliche Expeditionen zu diesem Zweck vor, und als Sprachkenner vergleicht er die persische mit der chinesischen Schrift, die etruskische Sprache mit der altgriechischen. Aber wieso ist dieser Name heute vergessen, wo andere viel kleinere Leistungen genügten, dem Gedächtnis der Nachwelt nicht zu entschwinden? Nun, es war „eine Lebensarbeit, die ein Talent entwarf und ein Charakter verdarb": der glänzende Museumsleiter, der unermüdliche Sammler und schon berühmte Gelehrte hat das ihm gesetzte Vertrauen getäuscht und aus dem eigenen Museum kostbare Münzen entwendet. Das Ende seines Lebens sieht den „Talerdieb" als dürftigen Reisebegleiter junger baltischer Grafen in England; eine der letzten Nachrichten von ihm weiß zu berichten, daß er einen englischen Lord zu Grabungen auf Kohle und Metall ermunterte, aber — selbst mitbrachte, was dann gefunden wurde! Und in dieser Rolle spukt er noch jetzt in einem der Scottschen Romane. . . Ein dramatisches Leben, wie geschaffen zu einem Romanstoff. Aber der Wissenschaftler hat nicht zu dichten, sondern Tatsachen festzustellen. Es stecken Jahre sorgfältigster Archivarbeit in dieser „Rettung" eines lange Vergessenen — wobei die Schwächen des Charakters über dem Glanz der Leistung in keiner Weise beschönigt werden —, und die Fülle eindringender Kenntnis der verschiedenartigsten Wissenschaftsgebiete, die eine Voraussetzung solch weitschichtiger Arbeit ist, bietet sich so unpedantisch, so lebendig dar, daß die klare Linie der Darstellung, die künstlerisch feine Beobachtung, der zuweilen aphoristisch prägnante Ausdruck nirgends in der Öde des bloßen Stoffes erstickt. Mit dieser wissenschaftlichen Leistung dringt Rudolf Hallo nun noch in die großen Bezirke wissenschaftlicher Arbeit vor, wo die Namen anfangen, Klang zu gewinnen. Es ist ein letzter Ring in seinem Werke, ist die erste Leistung voller Reife und muß nun auch die letzte bleiben. Nicht an uns ist es, Dank abzustatten für ein Werk, das der deutschen Wissenschaft gehört. Aber uns obliegt es, den Geist nicht aussterben zu lassen, aus dem solche Werke wachsen — wohin dieser Geist sich dann auch wenden, welche Aufgaben er als die seinigen erkennen mag. Hans Bach 470