Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 10 (1934-1935)
- Issue
- Heft 10 (Januar 1935)
- Article
- Zum Gedächtnis Rudolf Hallos
- Date
- 1935-01-01
- Page
- 469 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Rudolf Hallos Werk ordnet sich wie von selbst in konzentrischen Kreisen, von denen sich einer aus dem andern entwickelt, von denen jeder in den nächsten übergeht. Zuinnerst steht eine große, in der Anlage vorbildliche Familiengeschichte; die heimatlich-hessische und die handwerklich-künstlerische Tradition der Familie setzt sich auf höherer Stufe fort in verschiedenen Arbeiten über hessisches Kunsthandwerk überhaupt, wie z. B. über die Kasseler Goldschmiede, und speziell über jüdische Volkskunst in Hessen; für diese richtete er innerhalb des Kasseler Museums eine eigene Abteilung ein und hat deren Bestände in einem groß angelegten Katalog der Ausstellung „Religiöse Kunst in Hessen und Nassau" wissenschaftlich dargestellt. So wuchs ihm von selbst die Herausgabe der Kasseler Gemeindegeschichte zu, für die er selbst die Synagogengeschichte beisteuerte; er durfte mit Stolz sagen, sie sei „fast ohne Vorbild unter der deutsch jüdischen Geschichtsschreibung". Gleichzeitig betont er doch aber das Typische einer solchen Gemeindeentwicklung: „indem der Leser ... in der Beschreibung noch waltender Zustände die treibenden Kräfte zu erkennen beginnt, gewinnt er Sinn und Auge für etwas weit über Kassel hinaus Bedeutsames." Im Einzelnen das Allgemeine, im Kleinen das Gesetz des Großen erkennend ist auch Hallo selbst davor bewahrt geblieben, bloßer Lokalhistoriker zu sein; und wieviel selbstbewußte Entsagung hinter dieser heroischen fleißigen Kleinarbeit stand, zeigen am besten die weitgespannten archäologisch-religionswissenschaftlichen Aufsätze, die großenteils im „Morgen" erschienen, wie z.B. über den Psalter (1927), über die Schriftzeichen vom Sinai (1925/ 26) und „Die christliche Wissenschaft vom Judentum", die wir aus dem Nachlaß in den letzten Heften veröffentlichten. Stellte deren Ausklang eine Art Vermächtnis wissenschaftlichen Geistes dar, so hat Rudolf Hallo nun selbst noch seiner wissenschaftlichen Arbeit ihr Denkmal hinterlassen in einem Werk*), das seine Gattin und Helferin Gertrud Hallo soeben herausgibt. Hier findet sich, ins Große gewandt, nochmals fast alles an Problemen und Gebieten vereinigt, was ihn zeit seines Lebens beschäftigte; die hessische Heimat, die Geschichte der Kasseler Museen und die Ideengeschichte des Museumswesens, dann aber Kunst-, Kultur- und Geistesgeschichte des 18. Jahrhunderts in seiner „spannendsten" Zeit, im Übergang von der Aufklärung zum Sturm und Drang, — und vereinigt in einer aufs höchste fesselnden, heute fast unbekannten Persönlichkeit: Rudolf Erich Raspe. Wer war dieser R. E. Raspe? Der Untertitel des Werkes gibt die Antwort: „Ein Wegbereiter von Deutscher Art und Kunst". Und er muß wirklich eine zwingende Persönlichkeit gewesen sein, dieser Freund von Lessing und Herder, dieser Korrespondent Friedrichs d. Gr., Winckelmanns, Benjamin Franklins, der gelehrte Verbindungen in der halben Welt pflegte. Der einzige Ruhm, der ihm dauernd blieb, ist die Veröffentlichung der Lügengeschichten des ") Rudolf Hallo, Rudolf Erich Raspe, Ein Wegbereiter von Deutscher Art und Kunst Heft 5 der Göttinger historischen Forschungen, Stuttgart (W. Kohlhammer) 1934. 469