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Der Morgen · 1934-12-01 · Heft 9 (Dezember 1934) · p. 421

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Journal
Der Morgen
Volume
10 (1934-1935)
Issue
Heft 9 (Dezember 1934)
Article
... aus dem Judentum heraus
Date
1934-12-01
Page
421 (sequence 3)
Language
German
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Geiger die Sicherheit seines jüdischen Standpunktes in der Geschichte- Er hatte ein Organ für historische Dynamik und überhörte doch nicht in ihrem Strömen den Sinn, der sich in ihr ausspricht. Mag sein, daß der Theologe Geiger oft die Positionen zu hart gegeneinanderstellte, die der Historiker entwicklungsmäßig begriff (das Hegelsche Wort von dem historischen „Moment", den ein Standpunkt darstelle, findet sich auch bei Geiger); auch zugegeben, daß es Retuschen und Konstruktionen in seinem Geschichtsbild gibt: im Prinzip hat er die Auseinandersetzung zwischen Gelschichte und Gegenwart doch richtig begonnen- Er suchte keinen Zufluchtsort für das Judentum, sondern in ihm selbst und seiner Geschichte die Begründung für die Sicherheit und Selbstgewißheit, die es in jedem Augenblick seiner lebendigen Existenz hat und die alle Begegnung, die es mit anderem haben kann, bestimmt. Fritz Bamberger Hermann Sinsheimer, Maria Nunnez, Philo Verlag. Berlin 1934 Die Ausfahrt portugiesischer Marranen zu Ende des 16. Jahrhunderts, ihre abenteuerliche Irrfahrt nach den durch Wilhelm von Oranien auch geistig und religiös befreiten Niederlanden ist das Motiv von Sinsheimers Erzählung, die er im Untertitel „eine jüdische Oberlieferung" nennt. Denn Sinsheimer hat sich an einige chronikartige Aufzeichnungen gehalten, die in Amsterdam von den Nachkommen dieser Einwanderer niedergelegt worden sind. Diese suchende Wanderung, die von Lissabon durch das England der Königin Elisabeth über die friesische Küste nach Amsterdam führt und in steter Spannung von Gefangenschaft und Freiheit, hoher weltlicher Ehrung und Suche nach dem Judentum verläuft, soll Symbol für „die dunkle Legende und den hellen Sinn des jüdischen Daseins" bedeuten. „Der Geist, der sich dort freimachte und hier aufs neue festband", soll kennzeichnend sein für das ewige „Wandern und Wurzeln, das freie Ausschreiten jüdischen Stolzes und sein demütiges Hinknien auf anderer Erde". Deshalb bevölkert er sein Marranenschiff mit den verschiedensten Typen jüdischer Menschheit, in deren jeder jüdisches Wesen besonderer Art embryonal, ahnend keimt, das dann im Verlauf der Erzählung immer bewußter, geformter und aktiver sich entwickelt. In den zehn Gestalten der Expedition lodert die Sehnsucht nach dem Glauben der Väter so stark, daß dies innere Feuer sie allmählich umschmilzt. Am meisten die schöne Maria Nunnez, die in dieser Glut ganz zum geistigen Wesen, zu wesenhaftem Geist wird, um ewiges, überall gegenwärtiges Judentum zu verwirklichen. Und in diesem Wandlungsprozeß der wesenlosen Marranen zu leidenschaftlichen Juden zeigt Sinsheimer eine große psychologische Kunst. Mit der Durchleuchtung der Menschen von damals durch die erkennenden und darstellenden Kunstmittel von heute wie mit der Hüibreitung eines weitgespannten Zeitgemäldes als Hintergrund für das erregende und symbolhafte Geschehen wird die simple Legende zum Kunstwerk, chronikartige Vergangenvheit zu aktueller Gegenwart. kp. 421

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