Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 10 (1934-1935)
- Issue
- Heft 9 (Dezember 1934)
- Article
- ... aus dem Judentum heraus
- Date
- 1934-12-01
- Page
- 420 (sequence 2)
- Language
- German
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der geben. Die sind heute in Gefahr, mißdeutet und bagatellisiert zu werden. Das sollte man nicht zulassen. Der Kampf desThomasius gegen Aberglauben und Zauberei zu Anfang der deutschen Aufklärung erscheint uns lächerlich, kleinlich und verzopft, wenn wir uns nicht vorstellen können, daß das bißchen Aberglaube, das heute in dunklen Winkeln armselig vegetiert, einmal eine große Macht bei hellem Tage war. Und ähnlich sind wir heute zu sehr im sicheren und selbstverständlichen Besitz so mancher Errungenschaften jener Zeit der Reformierung jüdischer Religion — auch für den gilt das, der damals seinem heutigen Standpunkt nach ihr Gegner gewesen wäre —, um unbefangen würdigen zu können, was mit ihnen gewonnen wurde. Wir, wie gesagt, betrachten einen Augenblick die Gesamtleistung, den großen „konstruktiven" Versuch. Er ist bei Friedländer kaum zur Entwicklung gekommen und schnell in innerlich unzusammenhängende, von der jeweiligen Gelegenheit eingegebene Einzelaktionen auseinandergefallen. Es ist schwer zu sagen«, was bei diesem Fehlschlag Schuld und was Schicksal ist. Das Recht, aus einer enggeschnürten abgeschlossenen Existenz in die Weite einer großen allgemeinen Kultur miteintreten zu können, ist dem Judentum von der Aufklärung erkämpft worden. Und es gehört zu der Tragik der deutsch-jüdischen Geschichte, daß, als der Kampf zu Ende gekämpft und die große Chance gegeben war, die Ideale der Aufklärung nicht mehr galten. Der Jude, der sein Judentum in den Formen der Weltbildung präsentieren will, muß bestürzt bemerken, daß es in der Form der Mendelssohnschen Aufklärung schon wieder anachronistisch, „unzeitgemäß" geworden ist. Wer das einsah, mußte eine Grundlegung des Judentums in neuer Form versuchen — das taten die jungen Männer des „Culturvereins" — oder sich in die Taufe retten, mit allen Gefühlen zwischen Verzweiflung, zynischem Desinteressement oder auch Freude über eine ganze „Lösung". Friedländer aber rannte mit dem blinden aufklärerischen Starrsinn eines Nicolai (zudem in mißverstandener Mendelssohnscher Observanz) immer wieder vor gegen eine Festung, die sich mit seinen Waffen nicht einnehmen ließ. Er spürte zu Zeiten wohl, daß er keinen Standpunkt und keine Sicherheit mehr hatte, und geht in dem unseligen Angebot an den Probst Teller so weit, die „große christliche Gesellschaft" zum „Zufluchtsort" zu erbitten. Einen solchen Zufluchtsort brauchte Geiger nicht. Es sei zugegeben, daß die Zeit es ihm leichter machte. Das, was um die 40er Jahre herum aus Aufklärung, Klassizismus und romantisch-historischer Schule als deutsche Bildung herausgewachsen war, stand einem bereits vorgeformten Judentum näher, wenn auch in dessen Bildungsgeschichte die Romantik ausgefallen war. Aber Geiger wußte im Gegensatz zu Friedländer genau, daß es eine Reform des Judentums „nur aus dem Judentum heraus" geben könne und daß an ihm und an seiner Geschichte sich alle Neugestaltung auszuweisen habe. Gegenüber dem geschichtsfremden Friedländer fand 420