Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 10 (1934-1935)
- Issue
- Heft 9 (Dezember 1934)
- Article
- Heidentum, Christentum, Judentum [Rezension]
- Date
- 1934-12-01
- Page
- 418 (sequence 1)
- Language
- German
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Presseschau: Heidentum, Christentum, Judentum In einer subtilen Studie: „Zum Problem der Theodizee" kommt Theodor Haecker im „Hochland" (Heft 8, 1934) auf das Problem des Tragischen in der Religion zu sprechen: „Eine Theodizee, die mit dem Tragischen nicht fertig wird, hat nicht Gott, sondern das Nichts gerechtfertigt. Denn im tragischen Menschen ist ein geheimes Sichselbergefallen, ein geheimes Nichtandersseinwollen, also eine verkehrte Selbstbehauptung des Nichts, aus dem der Mensch geschaffen ist. Dem tragischen Menschen fehlt die absolute Hingabe an Gott." Haecker setzt dann auseinander, daß das Tragische das Stigma des echten Heidentums bei Griechen, Römern, Germanen oder Kelten war. Je stärker ein Geist das Tragische als unlösbar betone, um so mehr werde oder sei er wieder Heide. In prägnanter Form wird dann die Stellungnahme des Judentums zum Tragischen im Gegensatz zum Heidentum herausgearbeitet: „Das Judentum war allein durch die frühzeitige und besondere Offenbarung dessen, der da sagt: ,Ich bin, der ich bin', über diese allgemein menschliche Kategorie des Tragischen hinausgehoben, eine Tatsache, die zu wenig beachtet wird, wiewohl seine Geschichte, auf das Heidnische reduziert (was man machen kann), tragischen Stoff — allein im Leben Davids des Königs! — im Überfluß gehabt hätte. Das ist einer der mächtigsten Unterscheidungspunkte zwischen Juden und Heiden, bevor sie in die Kirche traten. Die Juden haben im Hohen Lied und in den Psalmen die gewaltigste Sprachkunst geschaffen, die die Menschheit kennt, und sie haben die dramatischste Geschichte gehabt und haben sie noch am heutigen Tage und werden sie bis zum Ende haben, aber sie haben keine einzige Tragödie geschrieben, denn die Heilige Geschichte ist keine Tragödie oder wird vielmehr mit jeder fertig. Hier ist mehr als Äschylus und Shakespeare zusammen. Unter den mythischen Figuren, die den jungen Kierkegaard beschäftigten: Faust. Don Juan und Ahasver sind die beiden ersten tragische Figuren, Ahasver ist es nicht. Wir, die Heiden in der Kirche, wir haben das Tragische im Blut und bringen es schwer aus unserm Geiste, ja für uns gilt sogar, daß wer es nicht hat oder drum herum geht, und hieße er auch Goethe, an einem Mangel leidet oder eine Feigheit begeht, es sei denn, er überwinde es im Lichte der Offenbarung . . ." Zu einem durchaus andern Ergebnis kommt Dr. Wilhelm Grau in einem Aufsatz: „Heinrich v. Treitschke und die Judenfrage" (Zeitwende, 11. Jahrgang, 2. Heft 1934). Er sieht im Heidentum seelisch verwandte Züge mit dem Judentum und lehnt dieshalb das Rassenlprinzip als alleiniges unterscheidendes Merkmal zwischen Juden und Deutschen entschieden ab. Treitschke sei recht zu geben, wenn er im Namen des Deutschtums gefordert habe, „daß wir ein christliches Volk sein und bleiben wollen". Denn in der christlichen Sendung des deutschen Volkes liege neben dem Rassischen die entscheidende Abgrenzung vom Judentum. Grau 418