Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 10 (1934-1935)
- Issue
- Heft 8 (November 1934)
- Article
- Rückblick auf Walther Rathenau [Rezension]
- Date
- 1934-11-01
- Page
- 380 (sequence 2)
- Language
- German
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schwerem Kampf mit lastenden Minderwertigkeitsgefühlen errungene und täglich in schürfender Reflexion neu verteidigte Seelenstellung. Ist Mut wirklich, wie ein großer und kalter Eroberer es gesagt hat, nichts anderes als Unkenntnis der Gefahr? Dann hätte Rathenau bei allem Bemühen um jene Selbstsicherheit, die man im Streben nach ihr niemals erreicht, in den letzten Wochen, Tagen und Stunden seines Lebens, in denen er bewußt dem Ende entgegenging, Mut nicht beweisen können. Nur wenn man „Mut" anders — und wollen wir es aussprechen: weniger assimilatorisch — faßt, wird man die in der Selbstüberwindung liegende Kraft einer im Grunde so gebrochenen Persönlichkeit wie Walther Rathenau zu würdigen wissen. Darre zitiert in seiner Schrift einen weiteren Satz aus den „Ungeschriebenen Schriften (CXV): „Eine neue Romantik wird kommen: die Romantik der Rasse. Sie wird das reine Nordlandsblut verherrlichen und neue Begriffe von Tugend und Laster schaffen. Den Zug des Materialismus wird diese Romantik eine Weile hemmen. Dann wird sie vergehen, weil die Welt neben der blonden Gesinnung des schwarzen Geistes bedarf und weil das Dämonische sein Recht will. Aber die Spuren dieser letzten Romantik werden niemals verschwinden." Der Jude Rathenau als Prophet einer Herrschaft des Nordlandsblutes — man wird begreifen, daß ein solcher Aspekt im gegenwärtigen Augenblick den Reiz des Kontrastes in Anspruch nehmen darf. Trotzdem muß man darauf hinweisen, daß in den gleichen „Ungeschriebenen Schriften" (LXIII) geschrieben steht: „Zweifellos ist die Vaterschaft und Vererbungskraft Jesu, Luthers, Spinozas und Goethes auf den germanischen Volkskörper stärker als diejenige irgendeines ihrer germanischen Zeitgenossen, dessen Blut noch heute in tausend Individuen weiterlebt. Dies ist die Grenze aller Rassentheorie." Wenn wir heute auf Leben und Sterben von Walther Rathenau zurückblicken und erkennen wollen, was er für deutsche Juden bedeutet, so müssen wir sagen, daß er eine hochgezüchtete Erscheinung der späten wilhelminischen Assimilation gewesen ist. Die tiefe innere Unsicherheit des im Schatten von Richard Wagner gewachsenen Herrenmenschentums im preußisch-deutschen Kaiserreich war in ihm verstärkt durch die dunklere Tönung, die seine Abkunft ihm verlieh. Eben jene dunklere Tönung des von ihm mit schmerzlicher Bewußtheit getragenen Erbes aus dem Hause Israel ist es gewesen, die ihn als Kritiker und Verkünder über seine Zeit hat hinauswachsen lassen, indem er ihr das Bild einer gerechteren Lebensordnung unermüdlich vorhielt Im „Drang zum Wirklichen, im Hang zum Geistigen" war er — wie er selbst bekennt — ein „Deutscher jüdischen Stammes", ein deutscher Jude. Er hat sich nicht darüber getäuscht, daß er einer Generation des Übergangs angehörte, die zugleich eine Generation des Untergangs war. Aber er hat inmitten von herbstlichen Nebeln ein besseres Land gesehen, von dem er hoffte, daß es aus dem Grauen der Zeit auftauchen werde. Werner Cahnmann 380