Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 10 (1934-1935)
- Issue
- Heft 8 (November 1934)
- Article
- Margarete Susman
- Date
- 1934-11-01
- Page
- 377 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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nungen wird nun auch der Weg deutlich, den diese Wahrheitssucherin geschritten ist: von der Gemeinde der Einsamen zur Gemeinschaft eines ewigen Volkes. Wir wünschten diese Studien einmal in einem Buche vereinigt zu sehen und hoffen auf das große Buch zur Geschichte der Juden in Deutschland, an dem Margarete Susman schon seit Jahren arbeitet. Und wir grüßen sie dankbar zum sechzigsten Geburtstage! Peloni Almoni 5. Fischer Zu jenen im Bezirk des Geistigen und der Kunst Tätigen, denen die Nachwelt keine Kränze flicht, gehören auch die Verleger. Cotta als Verlagshaus der Klassiker und ihrer Epigonen, Brockhaus und Meyer als Lexika-Verleger, Baedeker als Herausgeber der Reisehandbücher sind, durch Generationen hin, mehr zu Begriffen geworden, als daß man hinter diesen Namen noch wirkliche Menschen, Persönlichkeiten sähe. Anders bei S. Fischer, der am 48. Gründungstag seines Unternehmens, fast 75 Jahre alt, gestorben ist. Hier war Person und Verlagswerk zur Einheit geworden; S. Fischer stand nicht neutral hinter seinem Werk, sozusagen im Dämmer des Kontors, sondern mitten in den literarischen Bewegungen von fünf Jahrzehnten, selbst stets in Bewegung, bisweilen in kämpferischer Haltung. Trotz kluger Lektoren, von Brahm und Elias über Moritz Heimann bis zu Oskar Loerke und Rudolf Kayser, hat er selber das Gesicht seines Verlages bestimmt. Den Autoren von vier dichterischen Generationen hat er die Tore seines Hauses geöffnet, nicht nur um sie zu verlegen, sondern um als zäher Mittler, als Propagator, als Freund sich voll „Vitalität" — sein Lieblingswort — für sie einzusetzen. Er förderte zunächst den Realismus der achtziger Jahre (mit Gerhart Hauptmann, der 45 Jahre hindurch Hauptautor des Verlags blieb) und später das neue Weltgefühl um die Jahrhundertwende. Er wußte, welchen großen Autoren die Männer seiner ersten zwanzig Jahre verwandt waren; deshalb druckte er als erster in Deutschland Dostojewski, Tolstoi, Zola und später, in Gesamtausgaben, Shaw, Ibsen, Björnson, Fontane, Dehmel, WaltWhitman. Er rief sodann die Wiener Dichter, die sich der Erhellung seelischer Dunkelheiten, einer Art neuer Romantik mit dem Streben nach großer Form zuwandten: Schnitzler, Hofmannsthal, Beer- Hofmann. Er verlegte drittens die Expressionisten, — wenn auch der vernünftige, klardenkende Mann freilich nicht mit überzeugtem Herzen an der Seite dieser formsprengenden Ekstatiker stehen konnte. Aber schließlich gehörte sein greises, immer noch jugendliches Herz wieder einem, doch anderen Realismus: Hausmann, Heuser, Hauser, Billinger. In all diesen Jahrzehnten kamen in ununterbrochener Folge auch Dichter hinzu, die in anderen Ländern ähnliches erstrebten: Nordländer, Schweizer, Italiener, Russen, Franzosen, Amerikaner; vor allem aber auch Thomas Mann, Wassermann, Hesse, Loerke, Döblin und, gegen starke Zeitströmungen und deshalb oft mit beträchtlichen Opfern durchgesetzt, Dichter wie Hermann Stehr und Emil Strauss, die gerade heute zu großen Ehren gekommen sind. 377