Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 10 (1934-1935)
- Issue
- Heft 8 (November 1934)
- Article
- Margarete Susman
- Date
- 1934-11-01
- Page
- 376 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2895450-2895526-2895534-2904391--07536-2904454- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Margarete Susman „Ich habe mich in der allgemeinen Weltnot nur einer Göttin ganz hingegeben: der Wahrheit; die rettete mich überall . . In einem Briefe der Rahel Levin steht dies Wort, das den Sinn und den Ruhm ihres ganzen Lebens unübertrefflich zusammenfaßt. Aber stünde es nicht dort, so könnte dies Wort auch über dem Leben der Margarete Susman stehen. Diese Frau gehört zu den wenigen großen Sucherinnen unserer Zeit; fast ist sie die Einzige, die man in einem Atem mit Rahel Levin nennen kann, der sie sich — ihr schönes Buch „Frauen der Romantik" zeigte es — auch tief innerlich verwandt zu fühlen scheint. Und doch — hier ist eine Rahel, die den Weg zur Heimat ihres Geistes fand . . . Margarete Susman hat viele Wandlungen durchlebt in ihrem nun sechzigjährigen Leben; aber sie ist, wie man immer deutlicher sieht, auf ihrem Wege geblieben. Als Lyrikerin begann sie (drei Bände Gedichte erschienen in ihrer Frühzeit); auch in dramatischer Dichtung hat sie sich versucht. Aber bald zeigte ihr nachdenkliches Buch vom „Wesen der modernen deutschen Lyrik" (1910), wie sich eine Dichterin über den Zusammenhang zwischen Lyrik und Philosophie, von Religion und Mythos klar zu werden strebte. Lyrik wird ihr zur Botin des Religiösen; die versinkenden, fremd gewordenen Heiligtümer der entseelten Welt zu verwalten und wieder aufzurichten, das ist ihre Aufgabe. Wie ein Denkmal und Abschluß dieser ersten Schaffensepoche steht am Ausgang dieser Zeit (1912) dann das Buch „Vom Sinn der Liebe". Eine neue Diotima sucht hier in edelster Sprache und reiner Empfindung den Sinn des Strebens nach Vereinigung einem ratlosen Geschlecht aufzudecken — im Leben des Einzelnen wie im Leben der Gemeinschaft. Noch gehört Margarete Susman selbst zu diesen Heimatlosen, Heimatsuchenden. In jenen Jahren nähert sich ihr Weg den andern großen Suchern der Epoche. In Gustav Landauers Briefen steht ihr Name an bedeutungsvoller Stelle; mit Martin Buber wird sie früh bekannt. Vor allem aber ward ihr die unvergeßliche Gestalt Franz Rosenzweigs, dessen heldenhaftes Leben und Sterben sie aus nächster Nähe anschaute, zum Wegweiser auf dem Pfade von der Vereinzelung zur Gemeinschaft. Sein großes Buch, den „Stern der Erlösung", hat sie tief erkannt. Eine Reihe ihrer Arbeiten galt in diesen Jahren dem Werke Spinozas; besonders ergriff sie der Zusammenhang Spinozas mit dem jüdischen Weltgefühl, dem sie einen vielbeachteten Essay widmete. Und dann beginnen jene großen Deutungen biblischer Gestalten, die den Lesern des „Morgen" vertraut wurden; immer deutlicher auch wird die Auseinandersetzung mit den Problemen unsrer Zeit, wie sie die Frau und die Jüdin bedrängen. „Das Frauenproblem in der gegenwärtigen Welt" (1926) führt sie bis zurück zu den Frauen, die sie liebte und als Schwestern tief verstand: ihre weithin beachteten „Frauen der Romantik" treten 1929 hervor. In der neuen Deutung biblischer' Gestalten und jener merkwürdigen Begegnungen zwischen biblischen Gedanken und modernen Erschei- 376