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Der Morgen · 1934-11-01 · Heft 8 (November 1934) · p. 335

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
10 (1934-1935)
Issue
Heft 8 (November 1934)
Article
Umschau
Date
1934-11-01
Page
335 (sequence 3)
Language
German
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Umschau Trennungsstrich zwischen den Schwerpunkten der jüdischen Richtungen keine feindliche, keine unübersteigbare Grenze, sondern eine schiedliche Wasserscheide sei. Aber: eine Illusion ist er nicht. Das jüdisch-kulturelle Leben Berlins hat zu Beginn der Wintersaison mit zwei Taten eingesetzt, die von durchaus überlokaler Bedeutung sind: die „Jeremias"-Aufführung des Kulturbundes und die Eröffnung des Jüdischen Lehrhauses, zu dem sich die Freie Jüdische Volkshochschule umgebildet hat. Die künstlerische Gestaltung von Stefan Zweigs „Jeremias", der es in vorbildlichem Zusammenklang von schauspielerischer, bühnenbildnerischer, chorischer und Regieleistung gelungen ist, einen Eindruck von weittragender Wirkung zu erzielen, ist in der jüdischen Presse des ganzen Reiches gewürdigt worden. Überall wurde empfunden, daß in dem Dienst an diesem Stoff die Kräfte des Kulturbundes über das bisher Erreichte gewachsen sind und daß er sich hier seinem eigentlichen Sinn nähert. Liegt dieser Sinn darin, zu erschüttern, zu erheben und aufzurufen, so erfüllt er in ihm eine der wichtigsten vorbereitenden Aufgaben der Zeit. Er bereitet den Boden, auf dem das Jüdische Lehrhaus weiter zu bauen entschlossen ist. Im Unterschied zu der extensiven Arbeit des Kulturbundes ist sein Streben ganz auf intensive Leistung in kleinen geschlossenen Kreisen gerichtet. Wohl finden auch einige öffentliche Vorträge, Vorlesungen und Morgenfeiern statt; aber der Schwerpunkt ist auf die Arbeitsgemeinschaften gelegt, die in verheißender Fülle um die wirklich zu ernster Arbeit Entschlossenen werben. Das Programm des Lehrhauses, reichhaltig, hochstehend und anziehend, bedeutet nicht mehr und nicht weniger als eine Frage an die Berliner Juden, mit der zugleich ihre Antwort an die Zeit gefordert wird. Werden sie sich ihm versagen, so versagen sie sich damit zugleich der Aufgabe, in deren Erfüllung die einzige Hoffnung der schweren Gegenwart liegt: aus einer reaktiven, zu nichts verpflichtenden jüdischen Stimmung aktive Rückkehr zu den Quellen des Judentums zu gestalten. Werden sie, mancher Skepsis zum Trotz, die ihnen gebotene Chance nützen, so werden sie damit beweisen, daß sie sich der Forderung der Gegenwart stellen. Dann wird ihr „Ja" in Klang und Widerhall weit über Berlin hinaus gehört werden. 335

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