Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 10 (1934-1935)
- Issue
- Heft 6-7 (September 1934)
- Article
- Jakob Wassermanns Vermächtnis [Rezension]
- Date
- 1934-09-01
- Page
- 329 (sequence 3)
- Language
- German
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Goethes Paria; Ganraa, die aus der Professorstochter, der verschwärmten, anmutlosen Frau schließlich zum Symbol wird für eine ganze Welt des Wahns, Welt des Besitzes, der Hohlheit, des Wider - Göttlichen. Hier hätte sicherlich des Künstlers Hand vieles zu lindern, wenn nicht ganz zu beseitigen gefunden. Das Bildnis ist im höchsten Grade abstoßend — zumal nicht immer der Künstler, sondern allzu oft der enttäuschte Mann Dinge erzählt, die wir nicht wissen wollen. Immerhin ist Ganna, wie etwa früher der Ulrike Woytich und ähnlichen Megärenbildnissen Wassermanns, eine wilde Größe nicht abzusprechen. Ihr gegenüber steht dann Bettina zierlich und klingend wie eine Sonate von Mozart. Wie diese beiden und ähnliche Paare einander wechselseitig anziehen und abstoßen, das ist mit einer nachtwandlerischen Sicherheit enthüllt, die manchmal den Schüler der „Wahlverwandtschaften" nicht verbirgt. Aber hier geht es um mehr als um Frauenliebe und Mannesglück, um „Weib und Kind, um Haus und Hof" und wie die Segnungen und Belastungen menschlichen Daseins sich sonst darsteilen'. Es geht um Joseph Kerkhovens dritte Existenz. Die zweite Existenz hatte dem Schüler, der zum Meister wurde, all ihre Leiden, Freuden und Hoffnungen offenbart. Nun strebt er über sie hinaus. Alle die vier Menschen, von denen wir sprachen, stehen vor der verschlossenen Pforte und mühen sich jeder auf seine Weise um den Schlüssel. Der Materialist, der Naturwissenschaftler gelangt zur Grenze seines Erkenmens. Nicht daß hier mit der Sicherheit des Philosophen der Sprung von der reinen zur praktischen Vernunft gewagt würde. Eine neue Weltlehre — die Idee von der „Welthorme", einem Gemisch von Natur und Geist, taucht auf; sie führt den Arzt und Denker Kerkhoven unmittelbar zum Glauben — zum Glauben an einen schicksalergriffenen Gott: „nur so konnte das ungeheure Leiden der Welt ertragen werden". Dies aufdämmernde Gefühl aber zu festigen, zu erproben und zu . . . verklären, ereignet sich noch ein Letztes: Kerkhoven der Arzt weiß, daß er nur noch wenige Monate zu leben hat. Und nun kreisen alle seine Gedanken um die Überwindung dieses letzten großen Rätsels. Ein unglückseliger Zufall hat ihm sein Lebenswerk geraubt. Er steht vordem Nichts, vor dem Auslöschen. Und eben da kommt blitzartig die Erkenntnis: »„Und wir müssen doch zur Wahrheit im Sinne Gottes vordringen. Versenkst Du Dich mit aller Deiner Kraft in Dich selbst, so weißt Du auf einmal: es gibt keinen Tod —" Marie sah ihn lange an. „Und das Sterben?" fragte sie. „Das Sterben ist ein Produktionsakt wie die Zeugung. Der Ring muß sich doch irgendwo schließen. Wenn ein Stern in die Sonne stürzt, hört er dann auf? Die Sterne nähren sich von den Sternen, die Seelen nähren sich von andern Seelen . .."» „Es gibt keinen Tod": das ist das letzte Wort, das uns der tote Dichter heute von weit her, aus dem Lande, von des Bezirk kein Wandrer wiederkehrt, zuruft. Es ist sein Vermächtnis. P-i A-i. 329