Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 10 (1934-1935)
- Issue
- Heft 6-7 (September 1934)
- Article
- Jakob Wassermanns Vermächtnis [Rezension]
- Date
- 1934-09-01
- Page
- 328 (sequence 2)
- Language
- German
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rest zu tragen peinlich" weggefallen. Aber die Grundmauern standen, wie sie wohl seit Jahren im Kopfe ihres Schöpfers fest gemauert waren. Der Roman ist die Vollendung der beiden Romane „Der Fall Maurizjus" und „Etzel Andergast". Freilich erscheint der junge Etzel, die Lieblingsgestalt Wassermanns in den früheren Büchern, überhaupt nicht mehr; vielleicht ist es nicht zu kühn zu vermuten, daß das nie geschriebene Nachwort, von dem Frau Wassermann spricht, uns über diese Lücke Auskunft gegeben hätte; ob es uns etwa (wie schon einmal) einen neuen Etzel-Roman ankündigen sollte? Gleichviel: hier fällt alles Licht auf den Arzt Joseph Kerkhoven, dessen Erlebnisse in der äußeren und inneren Welt, mit Leidenden und Ratsuchenden und seinem eignen gequälten, suchenden und endlich findenden Herzen den Inhalt des Buches bilden. Menschen umgeben und umbranden ihn wie Wogen einen Leuchtturm; es kann geschehen, daß er auf Strecken hin fast verschwindet, nur noch sein Abbild auf den Wassern zeugt von seinem Dasein. Dann wieder vervielfältigt sich sein Bild: in dem Schicksal des gefeierten, gejagten, von der Welt des Wahns und von seinem eignen Herzen gepeinigten Dichters Alexander Herzog zeigt sich etwa ein schwächerer und gefährdeterer Doppelgänger Kerkhovens — ebenso wie in seiner Gefährtin Bettina ein Gegenbild zu Marie erscheint. Als das Buch beginnt, weilen sowohl Kerkhoven wie Marie, deren Wege wir in den früheren Büchern verfolgten, im Tal der Todesschatten. Mit hoher Kunst wird nun gezeigt^ wie einer den andern aus der Verdüsterung befreit: wie ein Paar von Gebirgswanderern — Wassermann braucht selbst einmal das Bild —, die auf gefährlichem Höhenwege aneinandergeseilt worden sind: der eine kann nicht stürzen, ohne zugleich den andern mit in den Abgrund zu reißen. Nicht verwunderlich, daß auch hier wie in Wassermanns früheren Büchern Gestalten der Zeitgeschichte, ja sogar der Zeit-Sensation eine Rolle spielen — jeder kennt den Namen des diabolischen Zeitungsmannes, dessen dämonisch grausige letzte Lebenstage sich bei Kerkhoven abspielen. Aber alle treten schließlich zurück vor dem Paar Alexander und Bettina Herzog, das zugleich als Spiegelbild und Ergänzung des Paares Kerkhoven und Marie gedacht ist. Nicht umsonst begegnet Kerkhoven dem verstörten Alexander wie einem schwachen und sehr geliebten jüngeren Bruder: ihnen beiden ist — wie etwa Tasso und Antonio — ein Teil der Seele Jakob Wassermanns hingegeben. Stellt der Nervenarzt das Wunschbild des unablässig Ringenden dar — das „Bild des was er werden soll" —, so muß Alexander Herzog alle seine Schlachten schlagen, alle seine Wunden erdulden, alle seine Schwächen am eignen Leibe spüren. Ihm ist der grause Kampf beschieden, der einen fast allzu großen Teil des Buches einnimmt und in tödlich scharfen, blutgetränkten Tagebuchblättern enthüllt wird: der Kampf mit Ganina, die zuerst als Wesen von Fleisch und Blut geschildert, allmählich doch in ungeheure Höhen wächst wie jenes „Riesenbildnis" aus. 32S