Mannheim
Compact Memory

Der Morgen · 1934-09-01 · Heft 6-7 (September 1934) · p. 311

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
10 (1934-1935)
Issue
Heft 6-7 (September 1934)
Article
Zwiesprache mit Martin Buber
Date
1934-09-01
Page
311 (sequence 1)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
93% known words query
IRI
…/2895450-2895526-2895533-2904242--07437-2904348
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Emst Simon / Zwiesprache mit Martin Buber Bubers Buch „Zwiesprache" (Schocken-Verlag, Berlin) kann man nicht „besprechen"; man kann es nur ansprechen. Das heißt: man muß aus der eigenen Situation heraus zu ihm reden, sei es als Freund oder als Feind. Jede andere weniger unbedingt personhafte Haltung wäre in ihrer scheinbar größeren Sachlichkeit — unsachlich, denn sie verfehlte diese Sache, die Sache der Person, um die es hier geht. I. Wie sieht die Welt aus, in die hinein uns der geeinte Ruf dieser Zwiesprache tönt? Die soziale und nationale Wirklichkeit ist unerhört schwierig geworden, dazu uns hautnahe anrührend, keinen Augenblick Ruhe gebend, als lastende Atmosphäre alles umhüllend, was wir denken und tun, selber zugleich Tat fordernd und sie nur selten zulassend. Dies ist das eine und erste. Das zweite ist: der Trost der idealistischen Philosophie zerbrach. Ihre heimliche Voraussetzung von der Erkennbarkeit des All, die erst seine Allgemeinheit und Notwendigkeit schuf, ist uns, der Schülergeneration Franz Rosenzweigs., in der Todesnähe des Krieges und in jener Lebensnähe dieses Nachkriegschaos zu einem unwirklichen Schemen geworden. Wir können nicht mehr an die Unwirklichkeit des einen allgemeinen Todes glauben, nachdem uns der wirkliche Tod, unser eigener Tod, sehr persönlich, bedroht hat. Und wir haben auch dem Leben in allzu viel persönlichsten Gestaltungen standhalten müssen, als daß wir sie in die olympische Formenwelt von jenseits aller Erfahrung geltenden, Gesetze und Erfahrung erst ermöglichenden Ideen einfüllen könnten. Das dritte aber ist dies: wenn der kantisch-idealistische Weltrahmen für unser Bild der Welt zu weit ist, so pressen uns die neuen Weltbilder oder Weltbeschreibungen, wie sie von der dialektischen Theologie und ihrer gottlosen Schwester, der Existentialphilosophie, abgeschildert werden, allzu eng an den Leib der Wirklichkeit; gleichsam atemlos suchen wir den Ort zu ertasten, der für die Freiheit des Menschen bleibt: für die Freiheit seiner Erkenntnis zur Ordnung eines Weltstückes; für die Freiheit seines Gewissens in der Entscheidung zwischen den Weltkämpfen; für die Freiheit seiner Tat an der Erlösung der Welt. So tief wir unser Geschöpf sein fühlen, unser Eingeborensein in eine, nein: in gerade diese Welt, ohne daß wir vorher gefragt wurden, unsere Zugehörigkeit zu gerade diesem Volk, zu gerade diesem Glauben, ebenso klar auch wissen wir, daß wir in den geschlossenen Stromkreis eines neuen Mittelalters nicht mehr zurück können. Nicht ist uns, wie dem mittelalterlichen Menschen, die Voraussetzung all unserer Geistesarbeit und all unserer Gemeinschaftstat zugleich auch deren Ziel, sondern ins unbekannte 5* 311

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.