Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 10 (1934-1935)
- Issue
- Heft 6-7 (September 1934)
- Article
- Sätze
- Date
- 1934-09-01
- Page
- 302 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Ludwig Strauss die Grenzen und verirrt sich, und die Kraft der wandernden Heere erlischt wieder in der Fremde. So bleibt eben an den höchsten geschichtlichen Bildungen ein ergreifend Fragmentarisches — in ihm redet die Hoffnung. Dem gläubigen Menschen wird ein bloßes Nein zum Falschen oder Hemmenden oder Zerstörenden nie genügen. Er wird Auftrag auch in ihm suchen, wird das Nein zu ihm überwölben mit dem großen Ja zu Gottes Welt, in deren Sinn es webt. Läßt er aber in diesem Ja das Nein verlorengehen und eint sich mit dem Feindlichen anders als im Kampf, so wird er untreu seinem eigenen Wesen als dem eines auch zum Nein geschaffenen Geschöpfes und zugleich dem Wesen des von ihm zu verneinenden Dinges. Er hat das Ja zu lernen, das auch das Nein in sich bewahrend hütet, das Ja, das ein Ding auch eben als zu verneindes bejahen kann. Nur dann kann er sich redlich auch aufs Negative beziehen. Vernichtung alles Nein im Ja, sie wird zum Frevel, solange die Welt nicht erlöst und damit dem Nein sein Gegenstand genommen ist. * „Kampflust" heißt es, aber „Friedensliebe". Sollte nicht die Sprache mit diesem Unterschied in der Wendung auf einen Unterschied im Range deuten? * Wens nicht manchmal zwingt, für den Gegner zu argumentieren, der steht noch nicht ganz im Gespräch. * Es gibt Advokaten ihrer selbst, die ihre Sache so günstig wie möglich darstellen, weil es ihnen auf nichts ankommt als auf Zustimmung und Freispruch. Andre stellen alles, was gegen sie spricht, hell ins Licht, denn woran ihnen liegt, ist Gültigkeit und Vollgewicht auch des geringsten Freundlichen im Urteil. * Mißtraue jeder Meinung in dir und andern, an der nicht Narben zeigen, daß sie sich durchs Feuer des Widerspruchs gewagt hat! Vergiß nicht das Fleisch überm Blut, das Blut überm Hauch, den Hauch überm Geist! Vergiß nicht den Geist überm Hauch, den Hauch überm Blut, das Blut überm Fleisch! Nur wo sich alle Strahlen begegnen, schwebt der wirkliche Stern. * Scheue nicht aus Angst um deine Freiheit die Bindung, aber hüte dich, daß nicht unter der Maske der strengsten Bindung die unbändige Willkür selber dich im äußersten Abenteuer zu sich ver- 302