Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 10 (1934-1935)
- Issue
- Heft 6-7 (September 1934)
- Article
- Die Feste der Erlösung
- Date
- 1934-09-01
- Page
- 278 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Franz Rosenzweig / Die FßSte der ErlÖSttUg Franz Rosenzweigs „Stern der Erlösung" teilt das Schicksal der Bücher, die viel gerühmt, aber wenig gelesen werden. Wir bringen, um dem Einwand seiner Unverständlichkeit zu begegnen, ein Stück daraus, das sich auf die hohen Feste bezieht, und haben Ignaz May bäum um eine kurze Einführung in die Welt dieses Buches gebeten. Franz Rosenzweig hat in seinem „Stern der Erlösung" die Welt des Judentums und die Welt des deutschen Idealismus, dieses ausgeprägtesten Neuhellenentums, mit derselben Energie konfrontiert wie einst Maimonides die talmudische Welt und die des mittelalterlichen Aristotelismus, und wie einst das Rabbinat, das die jüdisch-hellenistische Literatur bei der Kanonisierung der Bibel abstieß. Deutschland erlebt heute den Zusammenbruch des Idealismus in zwei Formen. Einmal wird -von der christlichen Theologie her der Gegensatz zwischen dem Gottesglauben der Bibel und der das menschliche Ich als Subjekt allein berücksichtigenden Philosophie des Idealismus gezeigt. Dann wird der Idealismus von einem Bekenntnis zum Naturhaften her bekämpft, seit dem Rembrandtdeutschen und dem Jugendbewegungsprogramm vom Hohen Meißner bis zur Gegenwart, wobei die Entwicklung immer radikaler wird, je mehr wir uns der neuesten Zeit nähern. Es ist nicht so, daß sich vom Judentum aus eine Verneinung des westlichen Geistes, der in Deutschland als deutscher Idealismus geschichtliche Erscheinung wurde, ergäbe. Auch im rabbinisdien Judentum, das mit Energie zwischen der hellenistischen Literatur und den biblischen Büchern unterschied, behalt der Logos, die menschliche Vernunft, Heimatrecht. Aber das rabbinische Judentum £_Jie „gewaltigen Tage", diese Feste eigener Art, im Monat des Fests gelegen, das unter den Festen der Volksgemeinschaft das Zur- Ruhe-Kommen zum Inhalt hat, sind ausgezeichnet vor allen andern Festen dadurch, daß hier und nur hier der Jude kniet. Was er dem Perserkönig weigerte, was keine Macht der Erde ihm abtrotzen darf, was er aber auch seinem Gott an keinem Tage des Jahres sonst und bei keiner Handlung seines Lebens schuldig ist: hier tut ers. Und zwar nicht im Bekenntnis der Schuld, nicht etwa im Gebet um Vergebung der Sünden, welchem allen diese Festzeit doch vornehmlich gewidmet ist, sondern nur im Schauen der unmittelbaren Gottesnähe, also in einem Zustand, der über die irdische Bedürftigkeit des Heute hinausgehoben ist; ähnlich wie ja schon das Hauptgebet am gewöhnlichen Sabbat die Bitte um Vergebung der Sünden fortließ. Mit gutem Recht heißt der große Versöhnungstag, in dem diese zehntägige Festzeit der Erlösung aufgipfelt, Sabbat der Sabbate. Erinnernd erschwingt die Gemeinde das Gefühl der Gottesnähe in der Schilderung des einstigen Tempeidiensts und 278