Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 10 (1934-1935)
- Issue
- Heft 6-7 (September 1934)
- Article
- Ismar Elbogen zum 60. Geburtstag
- Date
- 1934-09-01
- Page
- 271 (sequence 1)
- Language
- German
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Ismar Elbogen zum 60. Geburtstag Als vor einem Jahrhundert die Ära der Emanzipation begann und das bürgerliche, geistige und religiöse Leben des Juden verwandelte, erhielt auch das Studium der Vergangenheit neuen Sinn und neue Form; hatte das Volk im Grunde nie aufgehört, seine Lehre zu deuten und seinen Ursprüngen nachzugehen, so wandten sich jetzt seine Söhne mit dem Eifer später Humanisten der sich selbst genügenden Forschung zu: es entstand die Wissenschaft des Judentums, die als die edelste Frucht erstrittener Gleichberechtigung gelten kann. Heute, wo wir alle wissen, daß eine Epoche abgeschlossen und eine neue angebrochen ist, überprüfen wir aus innerem Zwang jeden unsrer Werte, und es erweist sich, daß gerade diese Frucht, in die frisch umgebrochene Erde gesteckt, zur Wurzel des neuen Daseins geworden ist. Ismar Elbogen war und ist natürlicher Erbe und Pfleger des überkommenen Gutes, und ihm schien es vor allem bestimmt, weiterzubauen an dem Hause, dessen Fundamente die klassischen Vertreter jüdischer Wissenschaft gelegt haben. Die zwiefache Aufgabe ward ihm zugeteilt, selber Glied der langen Kette zu sein und, darüber hinaus, Sorge zu tragen dafür, daß diese Kette nicht reiße (die Sorge darum war nämlich keineswegs nur eingebildet). Und nun ist es so gekommen, daß er an der Schwelle jenes Lebensalters, welches eine Sentenz den Mitgliedern des Rates der Ältesten zuspricht, gleichsam einen neuen Anfang schaffen darf. Wohl ist der Antrieb dazu von außen erfolgt und der Anlaß selbst nicht freudig gewesen; aber das Phänomen der in jeder Notzeit immer wieder unerwartet und andersartig sich zeigenden jüdischen Regeneration ist an sich zu bejahen und zu rühmen — glücklich die, die Teil daran haben! Solcher Beruf und solche Berufung fällt heute dem jüdischen Gelehrten fast von selber zu; aber es ist ein anderes, ob ein Mensch, der Zeit abgewandt und zeitlosen Werken hingegeben, ungewollt der Zeit dient, oder ob er, nicht minder in sein Werk vertieft, gleichwohl den Ruf der Zeit vernimmt und es erkennt, daß gerade von ihm verlangt wird, zu dieser Stunde das Wort zu ergreifen. Diese Pflicht hat Elbogen empfunden und mit Selbstverständlichkeit erfüllt. Zu Neujahr 5694 schrieb er, in Auslegung des Gebetes „Gedenke unser zum Leben" (Sochrenu la-Chajim): „Leben heißtnicht Wohlleben, leben heißt nicht sich ausleben, leben heißt sich treu bewähren, leben heißt nicht nur für sich, sondern für die Gemein- 271