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Der Morgen · 1934-08-01 · Heft 5 (August 1934) · p. 244

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
10 (1934-1935)
Issue
Heft 5 (August 1934)
Article
Eine alte Geschichte
Date
1934-08-01
Page
244 (sequence 2)
Language
German
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um ein Punkt zu sein, während die Tatsache, daß gerade der Fuhrmann, der Halbidiot die Pointe findet, sehr glücklich den Überraschungs-Effekt hineinflicht, eines der wichtigsten Mittel zur komischen Wirkung; auch die Verteilung des Moral- und Sympathie-Gewichts ist bemerkenswert: der mehr als schlichte Fuhrmann gewinnt durch seinen überraschenden Mut, sich an Stelle des Rabbiners zu opfern, die Bewunderung und das Wohlwollen des Hörers, und der ruhmredige Geistliche, der garnicht erst zum Fragen kommt, ist in jeder Hinsicht sein Widerpart. So erscheint alles gelöst bis auf die Frage, wie denn der Fuhrmann auf die verfängliche Frage verfallen konnte — und darum ist die Pointe nur ein Vorpunkt, ein Vorwand, um das Lachen des Hörers vorwegzunehmen und seine Überraschung gewissermaßen zu pfänden, denn die Geschichte geht weiter: Die kleine Stadt birst geradezu vor Überraschung. Die Freude der Juden, daß sie vor, weiß der Himmel, welchem Unheil bewahrt geblieben sind, ist unbeschreiblich. Die Gemeinde veranstaltet ein Fest, und an der Spitze der langen Tafel, auf dem Ehrenplatz ganz unmittelbar neben dem Rabbi sitzt wer? Der Fuhrmann, der Halbidiot, der Held des Tages, der Retter der Juden, das Köpfchen! Und als der Fisch, ein kleiner Leviathan, verzehrt und die Suppe ausgelöffelt ist, fragt der Rabbiner den Fuhrmann, wie er denn auf die großartige Idee gekommen wäre, ausgerechnet diese eine verfängliche, unbedingt mörderische, in jedem Falle totsichere Frage zu stellen, und der Fuhrmann antwortet, und tausend Augen hängen an seinen Lippen: „Rabbi," antwortet er, „Ihr erinnert Euch, wie wir bei Euch in der Schule gelernt haben und wie wir an die Stelle kamen, wo es in der Bibel heißt: ENENJ JODEA, da, Rabbi, wußte ich nicht, was es bedeutet, und fragte Euch und Ihr sagtet: Ich weiß nicht. Und wenn Ihr das schon nicht wißt, Rabbi, kann es der Christ wissen?" Dies ist „der" jüdische Witz, eine Demonstration seines Wesens mit allen seinen wichtigen Bestandteilen und, wenn man will, sogar eine jüdische burleske Version des somatischen „Ich weiß, daß ich weiß, daß ich nichts weiß". H-sch. Die kleine Schodten-Büdierei Der Schockenverlag läßt weitere sechs Bändchen seiner Sammlung folgen, in ebenso kluger Auswahl, in gleich hübscher Ausstattung. Zwar handelt es sich nicht um grundsätzlich neue Arbeiten, doch meist um solche, die erst einem engen Kreis von Fachgelehrten bekannt, doch auch für jeden Laienleser verständlich und wichtig sind. So stellt Leo Baeck die Pharisäer in einem neuen, helleren Lichte dar. Martin Buber sammelt einige seiner „Geschichten von Engeln,Geistern und Dämonen"; Ernst Hoffmann wählt unter dem Titel „Das Haus Israel" bezeichnende Stücke aus dem Lebenswerk des Geschichtsphilosophen David Koigen aus. Eine sehr reizvolle Darstellung jüdischen Lebens vor der Emanzipation gibt Bernsteins Erzählung „Vögele der Maggid". Ins Mittelalter führt die Auswahl aus Johann Jakob Schudts „Jüdischen Merckwürdigkeiten" (unter dem Titel „Von der Frankfurter Juden Vergangenheit"), und noch weiter zurück „Das Leben des Flavius Josephus", bearbeitet von Emanuel bin Gorion. 244

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