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Der Morgen · 1934-08-01 · Heft 5 (August 1934) · p. 243

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Journal
Der Morgen
Volume
10 (1934-1935)
Issue
Heft 5 (August 1934)
Article
Eine alte Geschichte
Date
1934-08-01
Page
243 (sequence 1)
Language
German
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Eine alte Geschichte Wir erzählen die folgende alte Geschichte von neuem, erstens weil sie so glänzend pointiert ist, daß man sie nicht oft genug erzählen kann, zweitens weil sie so charakteristisch jüdisch ist, daß sie dem aufmerksamen Betrachter ein psychologisches Kompendium ersetzen kann, drittens weil sie wie wenig andere die Wirkungsmittel des Humors klar werden läßt. Die Geschichte spielt anno dazumal in Polen, in einer kleinen Stadt. Der Graf, dem die kleine Stadt mit ihren Polen und Juden gehört, der Graf langweilt sich, und da der katholische Geistliche sich immer seiner hebräischen und sonstigen Kenntnisse zu rühmen pflegt, gibt der Graf bekannt, daß er am kommenden Sonntag einen Religions-Disput werde abhalten lassen. Die Disputation werde sich von allen früheren schon darin unterscheiden, daß Christ oder Jude, wer auch immer zuerst eingestehen muß, er wisse die Frage des anderen nicht zu beantworten, an Ort und Stelle um einen Kopf kürzer gemacht werden solle. Die kleine Stadt birst geradezu vor Aufregung. Schon am Anfang der Woche beten die Juden und bitten Gott um Beistand für die schwere Zeit, die ihnen droht, denn was außer Unglück für die Juden kann geschehen, wenn ein Graf sich langweilt! Und man betet und weint, die Gemeinde zittert vor Furcht, und dazu rühmt sich der Geistliche noch, er könne besser Hebräisch als alle Juden zusammen. Und der Rabbiner, der am Sonntag mit ihm disputieren soll, lernt und lernt und lernt. . . Am Freitag kommt der jüdische Fuhrmann, der für einen Halbidioten gilt (er wäre sonst der Ford des Pfer-defuhrwesens geworden), und sagt: „Rabbi, laßt mich gehen." Der Rabbi meint, wenn er schon bei dieser Disputation unterliegen könne, um wieviel eher der Halbidiot. Am Sonntag endlich, nach endlosen Beratungen und Bittgebeten, ist die Gemeinde der Ansicht, daß, selbst wenn er abgehauen werde, der Kopf des Fuhrmannes ihr weniger kostbar wäre als der Kopf des Rabbiners. Nachmittags ist der Marktplatz überfüllt, Christen und Juden, alle Einwohner der Stadt, Bauern der Umgegend warten seit Stunden auf den Anfang des Schauspiels. In der Mitte des Platzes ist ein hohes Podium, davor sitzt wie in einer Loge der Graf mit seinem Anhang. Oben auf dem Podium steht, die große Richtaxt zu Füßen, der Henker. Nun gibt der Graf das Zeichen, der Geistliche und der Fuhrmann betreten das Podium. Vor allem Volke läßt der Graf auslosen, wer die erste Frage tun darf, und das Los fällt auf den Fuhrmann. Die Spannung der Zuschauer grenzt an Irrsinn. Nun tut der Fuhrmann die erste Frage: „Was heißtENENJ JODEA?" Und der Geistliche antwortet prompt richtig: „Jch weiß nicht." Und sogleich, wie es angekündigt war, hebt der Henker das Beil, köpft den Geistlichen, und das Schauspiel ist zu Ende. Somit, hat der unschuldige Hörer der Geschichte zu denken, ist auch die Anekdote zu Ende, denn die Tatsache, daß die hebräische Wendung „ENENJ JODEA" zu deutsch „Ich weiß nicht" heißt, verhilft ihr ja zu genügender Schlagkraft, zu einer Pointe, die stark und rund genug ist, 243

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