Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 10 (1934-1935)
- Issue
- Heft 5 (August 1934)
- Article
- [Rezension]
- Date
- 1934-08-01
- Page
- 242 (sequence 2)
- Language
- German
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dumpf im Blute. Aber es fehlt die Lehre, durch die das Blut gelenkt wird. So kommt es, daß nicht Gott, sondern der selbst gewählte Inhalt absolut gesetzt wird. Der zelotische Messianismus übersieht Gott und vergottet eine irdische Situation. Prinz wie Schoeps formulieren beide ganz von den Voraussetzungen des nationalsozialistischen Deutschland aus. Prinz zieht seine Folgerungen, nämlich die der Palästinawanderung und des totalen Isolierungsprogrammes, Schoeps die der „Einstimmung" auf das Geschehen der Umwelt. Diese Einstimmung will er nicht als Gleichschaltung angesehen haben. Doch ist zu befürchten, daß gerade der nichtjüdische Beurteiler der Schoeps'schen Broschüre eine die Grenze nicht beachtende Annäherung an den Nationalsozialismus feststellen wird. Von jüdischer Seite kann Schoeps nur ein Vorwurf, den er selbst erhoben hat, zurückgegeben werden. Schoeps wirft nämlich den Führern des deutschen Judentums vor, daß sie ein richtunggebendes Wort zur Situation nicht gesprochen hätten. Die Gabe des Propheten ist eine doppelte: Reden und Schweigen. Auch das Schweigen kann eine Gott gehorchende Haltung sein. Wenn Schoeps dieses Schweigen nicht wahrt, begibt er sich auf jene gefährliche Ebene, auf der es neben dem berufenen Propheten auch den Lügenpropheten gibt. Diese Gefahr ist bei Schoeps um so größer, als er in der Welt des Judentums nicht sehr heimisch ist. Er feiert Hiob als tragischen Typus und weiß nicht, daß das Judentum den Wert der tragischen Existenz nicht kennt, nicht kennen kann und darf, weil nicht irdische Werte, sondern einzig Gott das jüdische Anliegen ist. Damit kann sich Schoeps, der gleich Prinz Judentum an eine politische Existenz knüpft, nicht zufrieden geben. Schoeps bejaht seine Existenz als deutscher Jude nicht aus dem schlichten, kreatürlichen Dankgefühl des Juden, der sich Deutschland für das tägliche Brot und den irdischen Geist verpflichtet weiß, sondern weil er dadurch politische Existenz gewonnen glaubt. Wie Prinz die Verbindung des Judentums mit dem Martyrium lösen will und eine Glück und Normalsituation schaffende Lösung kennt, so will auch Schoeps kein politisch passives Judentum. Deshalb seine der jüdischen Lehre scharf widersprechende Verwechslung von Tragödie und Martyrium. Das Judenleid ist nicht tragisches Leid. Tragisches Leid ist in der Welt der politischen Aktivität zu Hause. Schoeps will das Judentum so auf der deutsch-jüdischen Ebene politisiert sehen wie Prinz auf der nationaljüdischen. Schließlich ist noch am Rande zu bemerken, daß Schoeps gut darangetan hätte, sein Manuskript vor dem Druck jemandem zur Korrektur zu geben, der etwas mehr als er selbst im Judentum zu Hause ist. Es ist doch zu peinKch, wenn da die Rede ist vom „leeren Becher am Sederabendfür den Propheten Elijahu" (S. 19). Der Becher ist nämlich nicht leer, sondern mit Wein gefüllt. Soll man von dieser Unkenntnis in jüdischen Dingen auf die Legitimierung des Autors, jüdischer Wortführer zu sein, schließen? Ignaz Maybaum 242