Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 10 (1934-1935)
- Issue
- Heft 5 (August 1934)
- Article
- [Rezension]
- Date
- 1934-08-01
- Page
- 241 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2895450-2895526-2895532-2904155--07344-2904219- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
H. J. Schoeps, Wir deutschen Juden. Vortrupp-Verlag, Berlin 1934 Schoeps nennt seine Broschüre eine gegen den Berliner Rabbiner Prinz gerichtete Kampfschrift. Peinlich scharf sind die Ausdrücke, die von ihm gebraucht werden: „Lüge, Lügenprediger, Baalsanbeter, Heidenpriester!" Es zeigt sich hier, was die Geschichte der Sekten immer deutlich offenbart, daß gerade die Gruppen, die sich nur durch Nuancen unterscheiden, am stärksten verfeindet sind. Denn Schoeps und Prinz haben sehr viel und zwar Entscheidendes gemeinsam. Beide sehen in dem Jahrhundert der Emanzipationszeit, das das deutsche Judentum hinter sich hat, einen einzigen Sündenfall. Beide charakterisiert eine antibürgerliche Weltanschauung. Schoeps will das Bürgertum durch soldatische Haltung überwinden, Prinz mehr durch eine sozialistisch gesehene Gemeinschaft. Beide also übersehen die unterschiedslose Gleichheit eines jeden Standes vor der Religion. Denn religiöse Haltung relativiert jeden Stand und gibt durch diese Verhinderung des Totalanspruches jedem Stand die Möglichkeit eines vor Gott gerechtfertigten Bestehens. Gegensätze zwischen bürgerlich und soldatisch, kapitalistisch und sozialistisch bleiben dialektisch. Ein dialektischer, nicht ein existenzieller Gegensatz trennt Schoeps und Prinz. Für beide ist es charakteristisch, daß sie eine geschichtliche Situation unter dem Zeichen messianischer Endgültigkeit sehen: für Prinz hat die zionistische Bewegung religiösen Endgültigkeitscharakter, und ganz ebenso erklärt Schoeps, daß die deutschen Juden „auf Weltzeit (vom Referenten gesperrt) unlöschbar eingetan in die deutschen Landschaften und Stämme" sind (S. 52). Bei Schoeps ist also nicht bloß von unserer tiefen Verbundenheit mit Deutschland die Rede. Wäre dieser Verbundenheit allein Ausdruck gegeben, so könnte man Schoeps für sein im Zeichen des Dennnoch stehendes Treuebekenntnis zum Deutschtum nur dankbar sein. Wenn hier überhaupt Kritik geübt werden soll, so muß allerdings dieser von der Reichsvertretung der deutschen Juden jüngst scharf gerügte Unfug auch bei Schoeps festgestellt werden, daß er die Verbundenheit mit Deutschland nicht allen jüdischen Gruppen gleichmäßig zuerkennt, sondern für seine eigene Gruppe besonders in Anspruch nimmt. Aber nicht davon — so wichtig es ist, diesen Unfung energisch zu tadeln — ist in der Kennzeichnung der religiösen Verfehlung, deren sich Schoeps schuldig macht, die Rede. Schoeps stellt ebenso wie Prinz den Typus dar, der in der Religionsgeschichte den Namen Zelot hat. Zelot ist der, der eine geschichtliche Situation im Zeichen messianischer Endgültigkeit sieht, der das „Noch- Nicht" aller geschichtlichen Existenz mißachtet und die Grenze zwischen Zeit und Weltzeit, Geschichte und Ewigkeit verwischt Wir sind deutsche Juden. Wir sind es mit unserer ganzen geschichtlichen Existenz, in der sich die Forderung der Treue und Hingabe von selbst mitversteht Schoeps genügt das nicht Ebenso wie für Prinz der Palästinaaufbau ist für Schoeps die deutsch-jüdische Existenz ein nicht bloß geschichtliches, sondern messianisches Faktum. Daß man Gott mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit ganzem Vermögen lieben soll, hat der Zelot 241