Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 10 (1934-1935)
- Issue
- Heft 5 (August 1934)
- Article
- Vom Geist einer Stadt [Rezension]
- Date
- 1934-08-01
- Page
- 240 (sequence 2)
- Language
- German
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hunderts, verfolgt ihre Entwicklung in der Industrie wie in der Wissenschaft, in Presse und Theater. Aber er wird der Masse und ihren Strömungen ebenso gerecht: kaum je ist so übersichtlich disponiert, so fesselnd erzählt die innere Geschichte des Judentums im 19. Jahrhundert dargestellt worden. An der Revolution von 1848 beteiligten sich Juden in allen Parteien von rechts bis links. Ein Menschenalter später folgt der erste Rückschlag in diesem rapiden Aufstieg: der Antisemitismus der Christlich-Sozialen unter Schönerer und Lueger, dessen Anhänger aus Kleinbürgertum und Studentenschaft kommen. Er ist aus Anregungen der Stöcker-Bewegung in Preußen gespeist worden, wie er heute wieder in der deutschen Gesetzgebung nachwirkt: esist wenig bekannt, daß 1886 ein Gesetzentwurf vor dem österreichischen Reichsrat nach dem Muster der amerikanischen Chinesenbill ein Einwanderungsverbot für fremde Juden, Sondergesetze für die einheimischen verlangte. Als Reaktion darauf entwickelt sich der Zionismus; Tietze zeichnet seine Hauptfiguren mit der gleichen unbefangenen Sachlichkeit, mit der er dem Liberalismus gerecht geworden ist. Die Jahrhundertwende bringt dann nochmals einen Höhepunkt des Anteils Wiener Juden am Geistesleben ihrer Stadt und damit auch der deutschen Kultur: es genügt, so verschieden gerichtete Bestrebungen zu nennen, wie sie sich mit den Namen Hofmannsthal, Schnitzler, Beer-Hofmann, Peter Altenberg, Weininger, Freud, Karl Kraus und Martin Buber verbinden, in dessen Werk Tietze die letzte große Schöpfung des Wiener Judentums sieht Ergebnis und Sinn seines Buches faßt Tietze selbst in die Worte zusammen: „Völker leben gegeneinander, füreinander, ineinander. Das Wiener Judentum ist vom Oberfluß der schönsten und kulturell reichsten deutschen Stadt gewachsen; es hat hier die größte Fruchtbarkeit entwickelt, die irgend einem westlichen Judentum beschieden war. Es hat genommen und gegeben, zersetzt und geformt; es hat gelebt und leben geholfen, so daß es ein Teil von Wiens Vergangenheit und damit von Wiens Gegenwart geworden ist. Ohne Juden wäre Wien nicht, was es ist, wie ohne Wien ihr Dasein in den neueren Jahrhunderten seiner stolzesten Seite verlustig ginge. Kein Eingriff der Welt vermag diesen Lebensprozeß rückgängig zu machen. Sofern wir historisch denken, fragen wir nicht, ob er für den einen oder den anderen Teil vorteilhaft oder nachteilig war; nur daß er war und wie er war leidenschaftslos und wahrheitstreu zu schildern, war die bescheidene Aufgabe dieses Buches." Seine eigene Stellungnahme wird denn auch nur aus dem Vorwort deutlich. Sie sieht für die sichere Vernichtung nur die Wahl zwischen dem „vergeblichen Versuch, die Nationalitätenidee, die die Juden zermalmt, gleichfalls zu vergotten" und dem „selbstmörderischen Festhalten am Humanitätsgedanken, der ihre jüdische Mission ist". Wir aber glauben, daß die innere Kraft des Dennoch, die aus diesem glänzenden Buch „ein Bekenntnis" des Verfassers werden ließ, nicht nur für ihn selbst, sondern auch für die Gemeinschaft die bessere und — richtigere Antwort ist Hans Bach. 240