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Der Morgen · 1934-08-01 · Heft 5 (August 1934) · p. 239

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
10 (1934-1935)
Issue
Heft 5 (August 1934)
Article
Vom Geist einer Stadt [Rezension]
Date
1934-08-01
Page
239 (sequence 1)
Language
German
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Vom Geist einer Stadt Hans Tietze, Die Juden Wiens. VerlagE.P.Tal&Co.,Wien-Leipzigl933 Die meisten geschichtlichen Darstellungen jüdischer Gemeinden, die wir besitzen, fassen ihr Thema im engsten Sinne auf, setzen eine Kenntnis der allgemeinen Geschichte voraus und stellen nur die besonderen Tatsachen richtig und treu zusammen, die zu diesem Thema gehören. Prof- Tietze unterscheidet sich schon im Ausgangspunkt von solchen Bemühungen: er will „die Geschichte der Juden Wiens imZusammenh a n g mit dem Leben dieser ganzen Stadt erfassen", will „erkennen, was Wien für sie und sie für Wien bedeutet haben und bedeuten, und so die Besonderheit dieses Stückes Wien und dieses Stückes westeuropäischer Juden heit verdeutlichen". In dieser Zielsetzung zeigt sich nicht nur der Kunst- und Kulturwissenschaftler gegenüber dem Spezialhistoriker, sondern auch der Verfasser einer groß angelegten Kulturgeschichte Wiens, den die Fülle seines Materials nicht erdrückt, sondern bereichert. Aber auch als Thema selbst hatte kaum eine jüdische Gemeinde ein solch charakteristisches Bild ergeben. Zwar ist die Wiener weder die älteste unter den europäischen — der erste gesicherte Beleg stammt aus dem Jahre 904 — noch die größte, ja vielleicht nicht einmal die bedeutendste. Aber während sich in anderen Gemeinden meist nur ein wichtiger Zug des gesamtjüdischen Lebens herausbildetest dieses Leben in Wien an typischen und, seit dem Barock, auch an repräsentativen Gestalten bis zur Gegenwart zu verfolgen. Noch über das Mittelalter hinaus bleiben der Gemeinde schwerste Verfolgungen nicht erspart, die mehrfach bis zur vollen Vertreibung führen (die von 1670 hat u. a. die Neubegründung der Berliner Gemeinde im Gefolge gehabt); aber hauptsächlich fiskalische Gründe setzen sich gegen religiöse und ständische Antipathien immer wieder und immer stärker durch: unmittelbar nach jener Vertreibung beginnt das Zeitalter der „Hoffaktoren". In Samuel Oppenheimers Haus verkehrt Prinz Eugen; der Name wird schon ähnlich sprichwörtlich wie später der der Rothschilds. Nach den Türkenkriegen bleibt Wien nicht nur das Bollwerk Europas nach Südosten, sondern wird auch wieder die Brücke zum Balkan. Die einzigartige Atmosphäre der Kaiserstadt bildet sich heraus, gemischt aus vielen Nationalitäten, gespeist von der derben Fülle des Ostens wie von der zierlichen Verfeinerung des Westens, beherrscht von einem Adel, dem seine europäische Verflechtung ein nicht internationales, aber gleichzeitig nationales und übernationales Gepräge gibt, von einem Geist des Absolutismus, der darum doch human, ja tolerant sein kann. Strenges Recht und läßliche Verwaltung bestimmen so in der Neuzeit das Schicksal der Gemeinde, die aus den geschlossenen Siedlungen des Ostens immer neuen Zuzug, damit zwar immer neues Leben, aber auch immer neu die Aufgabe der Einschmelzung dieser jüdischen Massen erhält. Die eigentliche Blütezeit der Gemeinde beginnt mit dem Toleranzedikt Josefs II. von 1782. Tietze zeichnet mit festen Strichen das glänzende Bild der Wiener jüdischen Gesellschaft des beginnenden 19. Jahr- 239

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