Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 10 (1934-1935)
- Issue
- Heft 5 (August 1934)
- Article
- Deutsche Juden in Palästina [Rezension]
- Date
- 1934-08-01
- Page
- 237 (sequence 3)
- Language
- German
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die sich erfrechen, den Sabbat öffentlich zu entweihen und vor aller Augen verbotene Speisen zu genießen. Es ist eine systematische und intensive Kulturarbeit unter den deutschen Einwanderern nötig . . . Hiermit kommen wir zur Beantwortung der beiden ersten Fragen, die ich aufstellte: über das Verhältnis der früheren Tel-Aviver zu den neuen deutschen Einwanderern und ihre Beziehungen zueinander. Die Palästinenser im allgemeinen und besonders die Tel-Aviver empfingen die neuen Einwanderer sehr freundlich. Der Tel-Aviver freut sich, wenn er sieht, daß der Jischuw wächst, und denkt nicht an seine Privatinteressen, ob die neuen Einwanderer ihm Nutzen bringen oder etwa die Konkurrenz vergrößern. Das wunderbare Aufblühen und Anwachsen der hebräischen Stadt ist nicht nur der Stolz eines jeden Tel-Avives, sondern auch eine Hoffnung für das Gelingen seiner eigenen Arbeit, die in der Ausdehnung ihrer Möglichkeiten Hegt. Aber der Mensch ist doch nur Mensch, und wenn er sieht, daß ein anderer rascher vorankommt als er, dann beneidet er ihn, dann zürnt und murrt er. Der Erfolg der Deutschen in den Geschäften, die sie durch ihr Talent und ihre Praxis wie durch Einführung neuer Arbeitsmethoden beherrschen, erweckte den Neid der Tel-Aviver. Die Verteuerung der Mieten durch den Einwandererstrom vergrößerte die Erregung und das Murren. Die negativen Erscheinungen der deutschen Alijah, die ich oben kennzeichnete, vermehrten die Aufregung und schufen im allgemeinen ein unfreundliches Verhältnis zu den Deutschen. Aber gleichzeitig bekam man Respekt vor deren höherer Kultur und Geschäftstüchtigkeit, so daß man den deutschen Einwanderer ehrt und fürchtet, preist und beneidet . . . Feste gesellschaftliche Bindungen zwischen den deutschen und den früheren Tel-Avivera sind bis jetzt noch nicht zustande gekommen, und wer weiß, wann es geschehen wird. Dies gilt nicht von den organisierten Zionisten. Hier gibts keine Scheidewand nach den Herkunftsländern; so groß die Kulturunterschiede auch sein mögen, man bemüht sich von beiden Seiten, sie zu beseitigen. Anders steht es mit dem einfachen Juden, mit dem Juden auf der Straße. Diese verbinden sich nicht so schnell, wenn kein nationaler Zwang dazu vorliegt. Vorläufig existiert ein solcher Zwang nicht. Noch schafft die hebräische Sprache die Verbindung nicht; vielleicht wird sie es in Zukunft tun, wenn alle Einwanderer in den hebräischen Kulturkreis einbezogen sein werden, und noch mehr in der künftigen Generation, wo alles in den Räumen der hebräischen Schule zu einer nationalen Einheit zusammengeschweißt sein wird. Vorläufig lebt sich jede Gemeinschaft in ihren gesonderten Kreisen aus. Es gibt ein Ost- und ein West-Tel-Aviv. Und das muß man in der Tat beklagen . . ." Carl Gebhardt In einer jüdischen Zeitschrift ist nicht der Ort, dieses Mannes als eines Führers der deutschen Volksbildungsbewegung, als Intendanten eines Volkstheaters, als Gründers einer großen Schopenhauer-Sammlung zu gedenken. Aber es ist Carl 237