Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 10 (1934-1935)
- Issue
- Heft 5 (August 1934)
- Article
- Die Sendung des Heils
- Date
- 1934-08-01
- Page
- 224 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Manfred Starmann: Die Sendung des Heils Einige Monate nach der Geburt des Knaben Rüben, gerade als man im Hause sich zum Fest der Jahreswende rüstete, geschah etwas Furchtbares: Lea war von einem Krankenbesuch nicht mehr heimgekehrt. Man wartete bis zum Abend, und als sie sich noch immer nicht zeigte, machten sich Rabbi Amram und Rahel, seine alte Mutter, auf, Lea zu suchen. Sie gingen in jedes Haus, sie suchten die ganze Stadt nach ihr ab. Man schickte Boten über die Felder, nach Lea zu forschen, aber die kehrten unverrichteter Sache zurück. Alle Schüler des Rabbi, alle, die ihn verehrten, jung und alt, reich und gering — die ganze Stadt suchte Lea. Man rief ihren Namen nach allen Windrichtungen aus, aber die Rufe verhallten unerwidert in der Nacht. Gebrochen, jeder Hoffnung bar, kehrten Mutter und Sohn in das verwaiste Haus zurück. Die Gäste waren fort, um den Rabbi in seinem Schmerz nicht zu stören. Durch die weiten gastlichen Räume schien der Odem des Todes zu gehen. Rabbi Amram aber zerriß seine Kleider, streute Asche auf sein Haupt und raufte seinen Bart. Er saß in einem Winkel des Hauses und rang die Hände. Wie Sturzbäche gingen die Seufzer durch seine Brust, aber kein Tränenstrom erlöste den Gequälten. Wie ein Ausgezehrter, wie ein zu Tode Gehetzter hockte der Rabbi in seinem Winkel da und beugte sich unter der Geißel, die der Ewige über ihn schwang. Als aber der Vorabend des Rosch-Haschanah herankam — es war der dritte Tag, da Lea verschollen war — stand Rabbi Amram auf, ging in das Bad und reinigte sich, kämmte Haar und Bart und zog sein seidenes Feiertagsgewand an, denn die Trauer hat zu verstummen, wenn ein Fest sich naht, zumal das des Jahreswechsels, der heiligsten eines. Gerade als der Rabbi zum Gottesdienst schreiten wollte, segnend das Haupt seines Knaben und die Schriftzeichen an der Türe seines Hauses berührend, wurde an diese Türe gepocht. Der Rabbi öffnete, und ihm zu Füßen stürzte Lea. Er trug die Ohnmächtige ins Haus. Ihr Antlitz war abgezehrt, ihr Kleid zerfetzt, ihre Schuhe zerrissen. Es schien, als hätte sie eine lange qualvolle Wanderung hinter sich. Aber wohin war sie gewandert? Wer hatte sie abgerufen? Wer ihr diese Qual auferlegt? Vergebens drang der Rabbi in sie. Sie schüttelte nur in tiefer Erschöpfung das Haupt und streichelte seine zitternden Hände. ^Sag es mir doch, Lea, und erleichtere dein Herz", bat er. „Ich werde dir nicht zürnen, Kind, du hast gelitten, ich sehe es. Laß mich doch Anteil haben an deinem Geschick, Liebling, wie es dem Gatten gebührt." „Frag mich nicht und vergiß es", flüsterte Lea und weinte in ihre Kissen. Da drang der Rabbi nicht länger in sie. (Fortsetzung folgt) 224